Alexander Sajzew, Direktor Forschungs-Institut für Radiologie, Gomel, Weissrussland

„Es geht um Vertrauen“

Alexander Sajzew ist Direktor des Forschungs-Institutes für Radiologie in Gomel. Das Institut ist dem Ministerium für Notlagen unterstellt. Das Logo des Instituts zeigt eine Blume, deren Blüte die Form des Zeichens für Atom angenommen hat. Es beschäftigt 75 Mitarbeiter am Hauptsitz und in drei Filialen.

„Wenn wir von der Landwirtschaft in den radioaktiv belasteten Gebieten sprechen, dann muss ich vorausschicken, dass es eine Belastung gibt, die keine Bewirtschaftung mehr zulässt. In Weissrussland sind das 15 Curie pro Quadratkilometer. Bei Werten zwischen einem und 15 Curie gilt der Boden als verseucht, aber unter Auflagen ist eine Bewirtschaftung möglich. Unter einem Curie gibt es keine Auflagen. Wir sprechen also von Böden, die leicht bis mittelschwer belastet sind, und wir sprechen von den Radionukliden Cäsium137 und Strontium90, die uns am meisten zu schaffen machen. Sie sind sie chemisch mit Kalium fast identisch, das im menschlichen Körper eine wichtige Rolle spielt. Nehmen wir Cäsium137 oder Strontium90 über die Nahrung auf, nimmt es unser Organismus wie Kalium wahr. Das gilt für alle Lebewesen, auch die Pflanzen. Kalium braucht auch jeden Pflanze, und Kalium ist ein wichtiger Dünger. Für die Landwirtschaft heisst das: wenn es gelingt, für eine optimale Kalium-Düngung zu sorgen, lässt sich die Aufnahme der Radionuklide durch die Pflanzen minimieren. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Düngung ist auch abhängig von der Beschaffenheit des Bodens und natürlich der Pflanze selbst. Wir lösen dieses Problem mit geochemischen Pässen; das heisst, wir wissen für jeden Boden genau, wie er beschaffen ist. Das gilt natürlich auch für die Belastung mit Radionukliden. Mit diesen geochemischen Pässen haben die Kolchosen schon mal eine wichtige Entscheidungsgrundlage nicht nur für die Düngung, sondern auch für den Pflanzenbau. Ein Grossteil der Landwirtschaftsbetriebe in Weissrussland sind Kolchosen im Staatsbesitz. Für die Bewirtschaftung solcher Böden braucht es ch Fachwissen, das wir an Kursen und Seminaren vermitteln. Grundsätzlich haben wir es im Süden Weissrusslands mit guten bis sehr guten Böden zu tun, die sehr unterschiedlich radioaktiv belastet sind und auch ganz verschieden auf diese Belastung reagieren. Besonders problematisch sind Torfböden, die es hier aber relativ selten gibt. Mit der radioaktiven Belastung ist die Nutzung meistens nur noch eingeschränkt möglich. Das gilt vor allem für den Anbau von Gemüse. Wir raten etwa generell von eiweisshaltigen Hülsenfrüchten wie Bohnen oder Erbsen ab, während Mais für die Tierfutternutzung sich gut eignet, was die vermehrte Viehhaltung befördert hat. Dort lässt sich die Verstrahlung mit geeigneten Zusätzen mindern. Bei der Milch empfehlen wir in vielen Fällen die Weiterverarbeitung. Am geeignetsten sind Käse und Butter, denn die Radionuklide konzentrieren sich in der Schotte und der Buttermilch. So hat die Landwirtschaft 30 Jahre nach Tschernobyl ein anderes Gesicht erhalten. Aber es gibt sie, ausserhalb der gesperrten Flächen, noch. Das gilt auch für die vielen Kleinbauern, die, oft im Nebenerwerb, einen Gemüsegarten bewirtschaften. Sie können ihre Böden genauso wie die grossen Kolchosen analysieren lassen, und wir beraten sie, welches Gemüse sich für sie empfiehlt. Wir haben auch verschiedene Broschüren für Pilz- und Beerensammler und für die Jäger. Dazu kommen Karten, auf denen die Bodenbelastung mit hoher Genauigkeit ausgewiesen wird.
Dass auch in Weissrussland viele Menschen Produkte aus der Region Gomel meiden, lässt sich nicht wegdiskutieren, ebensowenig, dass es Probleme beim Absatz der Waren gibt. Ich habe dafür auch ein gewisses Verständnis. Anderseits tun die staatlichen Institutionen alles, damit nur Lebensmittel auf den Markt kommen, die die Grenzwerte, die im übrigen in vielen Fällen strenger sind als etwa in der Europäischen Union oder in Russland, erfüllen. Wir kontrollieren streng und unabhängig von irgendwelchen Weisungen. Das Problem hat aber nicht nur mit der Verseuchung zu tun. Es geht um Vertrauen. Das zeigen die Ergebnisse verschiedener Umfragen, die wir durchgeführt haben. Die Ablehnung zieht sich durch alle Schichten, aber es sind tendenziell eher die gebildeteren Menschen, die skeptisch sind. Diese Vertrauensfrage hat ihre Berechtigung. Es liegt an uns, so zu handeln, dass wir dieses Vertrauen auch verdienen.“

zum Weiterlesen:

Leben auf verstrahltem Boden

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