Guy Vastel, freiwilliger Strahlenkontrolleur

"Wir finden immer etwas"

Guy Vastel, ehemaliger Bademeister und freiwilliger Mitarbeiter auf der Suche nach Strahlenpartikeln bei ACRO.

„Meine Freiwilligenarbeit hat zwei wichtige Elemente. Ich bin draussen in der schönen Natur und ich helfe mit, die Arbeit der Wiederaufbereitungsanlage zu kontrollieren. Konkret heisst dies: ACRO nimmt an verschiedenen Stellen in der Umgebung von La Hague Bodenproben, analysiert sie und veröffentlicht die Ergebnisse. Sicher fallen wir mit unseren blauen Windjacken ein wenig auf. Die Aufschrift, dass wir als Beobachter der Radioaktivität in der Umwelt unterwegs sind, springt ins Auge. Die Blicke, die uns begegnen, sind nicht immer freundlich. Jedes Dorf hier hat einen schönen Fussballplatz, ein Schwimmbad, einen Gemeindesaal, schmucke Schulen, ein schönes Gemeindehaus. Sie gehören sicher zu den reichsten Dörfern von ganz Frankreich. Jeder wägt ab: Ein gutes Leben gegen die mögliche Risikoerhöhung einer Krebserkrankung. Solange man nicht selber krank ist, verdrängt man das leicht. Nicht aber wir. Wenn ich beispielsweise mit meinem Freund Jean Yves Lepetite unterwegs bin, kontrollieren wir bis 10 Standorte in der Umgebung der Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Insgesamt sind es 38 Punkte im Umkreis von ungefähr zwei Kilometer, die wir von ACRO regelmässig aufsuchen. Dann nehmen wir Wasserproben und bringen sie nachher in unser Labor in Caen. Es sind immer genau dieselben Plätze, an denen wir Proben nehmen, um so Veränderungen feststellen zu können. Natürlich nimmt auch AREVA, der Betreiber von La Hague, eigene Proben, und die decken sich meist mit unseren Ergebnissen. Glücklicherweise kam gleich zu Beginn der Arbeit von Acro ein ehemaliger Labormitarbeiter von AREVA zu uns. Er brachte Know-How mit, und er zeigte uns die wichtigen Plätze. Einer davon heisst Baie d’Ecalgrain. Es ist ein sehr schöner öffentlicher Strand, der von den Winterstürmen entblösst ist und nackten Felsen zeigt. Doch die Frühjahrsstürme aus einer anderen Richtung bringen den Sand jeweils zurück – alles ein Werk der Natur. Im Sommer wird er von Einheimischen und Touristen gut besucht. Wir haben hier einmal einen Extremwert von 110 Becquerel Tritium pro Liter Wasser gefunden. In der Natur kommen von diesem Element etwa 0,2 Becquerel pro Liter Wasser vor. Es ist nicht so, dass AREVA unsere Messungen kategorisch bestreiten würde. Denn dann müssten sie das bei ihren eigenen Messungen auch tun. Wir haben dieselben Methoden und teilweise dieselben Apparaturen. Bei der Interpretation dieser Werte gehen die Meinungen auseinander. Man kann bei AREVA das Schulterzucken förmlich hören. Für sie ist das kaum ein Problem. Und auch die Bevölkerung schluckt diese Zahlen. Neue Gemeindesäle und Fussballplätze haben ihren Preis. Es gibt in La Hague auch ein Zwischenlager. Es liegt perfekt am schlechtesten Ort unter wasserreichen Erdschichten. Nach dem Abkühlen im Wasserbecken landen hier die Brennstäbe. Seit 1994 ist das Centre Stockage de la Manche (CSM) geschlossen, weil es voll ist. Hier wird schwach- und mittelradioaktiver Abfall endgelagert. Wir zweifelten immer, ob der Ort dieses Zwischenlagers eine gute Idee war und fühlen uns nun bestätigt. Messungen in der Nähe bei einer Quelle ergaben 30'000 Becquerel Tritium auf einem Liter Wasser. Ich messe seit 25 Jahren, aber dies war ein Rekord. Es bestätigt meine Skepsis gegenüber der Atomenergie. Ich war immer dagegen. Es hat wohl mit meiner Herkunft zu tun. Als Bauernsohn fühle ich mich der Natur und nicht der Atomtechnologie verbunden. Ich habe immer an der so genannten Sauberkeit dieser Technologie gezweifelt. Das gilt auch für meinen häufigen Begleiter Jean Yves Lepetite und die anderen freiwilligen Strahlenmesser. Wir beweisen es Monat für Monat – denn das ist die Messfrequenz. Wir finden immer etwas. Wenn sie mich fragen, ob ich vom sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie träume, muss ich sagen: nein. Ich bin Realist. Wenn hier von heute auf morgen die Lichter ausgingen, wäre das Desaster vorprogrammiert. Die Endlagerung ist nicht gelöst, die ganze Anlage ist hoch gefährlich. Im Falle komplett fehlender Einnahmen würde die Sicherheitsverantwortung von AREVA an billigste private Firmen übergehen und dann könnte man die Tage zählen, bis es zu einem Unfall käme. Nein, sowohl die alten Reaktoren von Flamanville als auch die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague sollten langsam und kontrolliert – vielleicht über einen Zeithorizont von 10 bis 20 Jahren – herunter gefahren werden. Und gleichzeitig muss die geordnete Dekonstruktion und Endlagerung in Angriff genommen werden. Das alles braucht viel Zeit, und AREVA braucht die Einnahmen. Es ist bitter: Realistisch betrachtet sind wir zu Geiseln eines Systems geworden, das uns jederzeit sehr gefährlich werden kann.“



zum Weiterlesen:

ACRO: Ein Kind Tschernobyls








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