Atomenergie: Am Anfang oder am Ende?

geschrieben von  Urs Fitze

Für den einen, Michael Schorer, Leiter Kommunikation beim wissenschaftlich-technischen Fachverein Nuklearforum Schweiz, hat die Zukunft der Atomenergie erst begonnen, für den anderen, Alfred Körblein, nuklearkritischer Physiker und Privatgelehrter, ist sie am Ende. Ein Streitgespräch über Strahlung, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit der Atomkraftwerke und die Stromversorgung der Zukunft.

Niemand bezweifelt heute, dass ionisierende Strahlung ab einem Wert von 100 Millisievert schädlich ist. Bei niedrigeren Dosen gehen die Meinungen weit auseinander. Wie stehen Sie dazu?
Michael Schorer: Für die Industrie gelten die einschlägigen Grenzwerte, die wir selbstverständlich respektieren. Sie liegen, sei es für die Beschäftigten in Atomkraftwerken oder im Gesundheitswesen, weit unterhalb der 100 Millisievert. Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich denke, dass wir damit übertrieben vorsichtig sind. Wir wissen heute aus der Forschung, dass niedrige Strahlendosen im Bereich von einigen bis zu einigen Dutzend Millisievert pro Jahr nicht etwa schädlich, sondern im Sinne einer Stärkung des Immunsystems sogar gesundheitsfördernd sein können. Bei den heutigen Grenzwerten haben wir nach meiner Meinung Luft nach oben.

Alfred Körblein: Niedrigstrahlung ist nicht harmlos oder gar gesund. Ganz im Gegenteil: Sie ist um einiges gefährlicher einzustufen als offiziell dargestellt. Diesen Schluss erlauben epidemiologische Analysen. Auch Strahlung unterhalb des geltenden Grenzwertes von einem Millisievert hat gesundheitliche Auswirkungen. Die Krebsraten steigen nachweislich an. Das ergeben auch meine eigenen Studien.

Schorer: An vielen Orten der Schweizer Alpen ist die natürliche Hintergrundstrahlung erhöht, und in Indien oder in Brasilien gibt es Orte mit natürlichen Strahlendosen, die massiv höher liegen als unsere Grenzwerte. Von höheren Krebsraten ist mir nichts bekannt. Der Mensch lebt seit Urzeiten mit dieser Strahlung.

Körblein: Aber das heisst nicht, dass wir mit künstlich erzeugter Strahlung noch eins draufsetzen müssen. Die Risiken der natürlichen Hintergrundstrahlung sind schon hoch genug.

Plädieren Sie denn für eine Senkung der geltenden Grenzwerte? Oder sehen Sie eine akute Gefahr?
Nein. Die Grenzwerte sind durchaus in Ordnung. Aber sie dürfen keinesfalls erhöht werden. Wirklich problematisch wird es etwa in Fukushima, wo die Menschen aufgefordert werden, in Gebiete mit deutlich höherer Strahlung zurückzukehren. Das ist unverantwortlich.
Schorer: Eben nicht. Man kann mit dieser Strahlung leben, und die Rückkehr ins eigene Haus ist auf jeden Fall einem Leben in einer Notunterkunft vorzuziehen. Denn dort leiden viele Menschen. Es gibt eben keine epidemiologischen Fakten, die nachweisen, dass das Krebsrisiko höher ist.
Körblein: Ich habe Daten der Leukämierate bei Kindern aus Weissrussland ausgewertet, die für die Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl eine ganz andere Sprache sprechen. Das Leukämierisiko steigt erheblich an. Das kann man doch nicht einfach ignorieren. Dass diese Daten von den weissrussischen Behörden zurückgehalten werden und nur über viele Umwege überhaupt verfügbar sind, ist ein anderes Kapitel. Man will offensichtlich nicht, dass das an die Öffentlichkeit dringt.


Sie haben beide eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Weshalb gibt es in der Frage nach der Schädlichkeit radioaktiver Strahlung keinen wissenschaftlichen Konsens?
Schorer: Die Wirkung geringer Strahlendosen ist sehr schwer festzustellen, da sie in andern Gesundheitsfaktoren untergeht. Wenn ich mit unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über Niedrigstrahlung spreche, gibt es darüber einen Konsens. Das gilt auch für die offiziellen Stellen in der Schweiz und die internationalen Gremien.
Körblein: Das ist gerade das Problem. In diesen Gremien sitzen nicht Fachleute, die das ganze Spektrum der wissenschaftlichen Meinung abdecken, sondern fast ausschliesslich jene, die der Industrie nahe stehen und im Wesentlichen deren Position vertreten. Von Unabhängigkeit kann keine Rede sein.


Atomreaktoren sind grosstechnische Anlagen von allergrösster Komplexität. Wie sicher ist diese Technologie?
Schorer: Technologie wird von Menschen gemacht, und hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Das gilt nicht nur für Atomanlagen, sondern grundsätzlich für jede Technologie. Wenn wir von Sicherheit sprechen, dann meinen wir heute eine ausgeprägte Sicherheitskultur, eine verinnerlichte Skepsis gegenüber dem eigenen Handeln, das es stets zu hinterfragen und prüfen gilt. Sicherheit ist ein Prozess, der nie aufhört. Der Unfall in Fukushima hat deutlich gemacht, was geschehen kann, wenn diese Kultur nicht gelebt wird.
Körblein: Ich bezweifle nicht, dass in den Atomkraftwerken grundsätzlich gute Arbeit geleistet wird und die Leute nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Ein Restrisiko bleibt, wie Herr Schorer selber sagt. Niemand kann einen Unfall ausschliessen. Und dessen Folgen sind zu katastrophal, als dass dieses Risiko in Kauf genommen werden kann.
Schorer: Ob wir bereit sind, es einzugehen, muss die Gesellschaft entscheiden. Ich halte das Risiko für vertretbar. Technologische Verbesserungen und eine grosse Sicherheitskultur haben es in den vergangenen Jahrzehnten nochmals deutlich gesenkt. Wären in Fukushima nachgerüstete Reaktoren wie im schweizerischen Mühleberg gestanden, wäre es zu keiner Kernschmelze gekommen.
Körblein: Das Restrisiko ist nicht kleiner, sondern grösser geworden. In den 1970er-Jahren sprach man noch von Hunderttausenden Betriebsjahren, die verstreichen müssten, bis es zu einem Unfall kommt. Heute reden wir von 6000 Jahren. Umgerechnet auf alle im Betrieb stehenden Reaktoren heisst das, dass wir im Abstand von wenigen Jahrzehnten mit Kernschmelzen rechnen müssen.
Schorer: Als Beznau in Betrieb genommen wurde, sprach man von 1000 Jahren bei Unfällen mit Kernschaden. Heute, nach den Nachrüstungen, liegen wir in der Schweiz bei 100'000 Jahren. Moderne Systeme sind nochmals mindestens zehnmal besser.
Körblein: Die geschätzten Kosten eines Super-GAU’s lägen bei uns bei Tausenden Milliarden Euro, von den gesundheitlichen Folgen ganz zu schweigen.
Schorer: Simulationen von schweren Unfällen in Schweizer Atomkraftwerken zeigen, dass es zur Freisetzung von radioaktivem Jod kommen könnte, während die anderen radioaktiven Stoffe dank entsprechender Filter zurückgehalten werden. Die Folgen für die Umwelt sind vergleichsweise überschaubar. Nach ein paar Monaten, wenn das radioaktive Jod zerfallen ist, wäre die Bedrohung vorbei. Von für Jahrzehnte unbewohnbaren Landschaften kann keine Rede sein.

Wie beurteilen sie die neuen Reaktortypen 3 plus in Sachen Sicherheit?
Schorer: Die dritte Generation ist der grosse Sprung bei der Sicherheit. Deshalb wurden die Schweizer Kernkraftwerke – sie gehören zur zweiten Generation – nachgerüstet. Kennzeichen der dritten Generation ist, dass sie die Folgen einer Kernschmelze beherrschen kann oder eine solche nach menschlichem Ermessen gar nicht erst eintreten kann. Die Reaktoren der kommenden Generation 4 müssen hingegen ihre Sicherheit noch nachweisen.
Körblein: Ich sehe eigentlich nur Probleme, die mich zum Schluss führen, dass die Technologie keinen Schritt weiter gekommen ist. Wenn es, wie in Finnland geschehen, nicht einmal gelingt, Beton in der verlangten Qualität zu mischen, liegt das doch schlicht am mangelnden Know-How. Von den gigantischen Kostenüberschreitungen ganz zu schweigen.
Schorer: Es gibt in Finnland, wie bei jedem Prototypen, Probleme. Aber diese Probleme sind lösbar, sie sind nicht grundsätzlicher Art. Sie werden, wie beim Beispiel des im Bau befindlichen Atomkraftwerks im französischen Flamanville zu sehen ist, ganz bewusst in Kauf genommen. Man will sich bei diesem Reaktor der Generation 3+ Zeit lassen, um die Kinderkrankheiten in den Griff zu bekommen. Denn die Hersteller wollen ja nicht nur einen Reaktor bauen, sondern ganze Serien davon. Was ich bedaure, ist ein schleichender Know-how-Verlust in Europa. Deutschland war einst weltweit führend. Heute verabschiedet sich das Land von dieser Hochtechnologie. China baut derweil ebenfalls Reaktoren der neuesten Generation, und die Chinesen sind voll im Plan.


Die grosse Kernkraft-Euphorie der 1950er- und 1960er-Jahre war auch Zeugnis eines fast grenzenlosen Vertrauens gegenüber Wissenschaftlerinnen und Technikern. Dieses Vertrauen ist stark geschrumpft und teilweise regelrechtem Misstrauen gewichen. Was sind die Ursachen?
Körblein: Wenn ich von Deutschland spreche, dann war dieses Vertrauen schon in den 1970er-Jahren praktisch weg. Und es ist nie wieder gekommen. Zu Recht. Denn die Versprechungen der Atomindustrie haben sich als leer erwiesen. Der deutsche Ausstieg aus der Atomwirtschaft wird von einer breiten Mehrheit getragen.
Schorer: Das Vertrauen ist durchaus noch vorhanden. Wenn man die Dinge nicht nur durch die deutsche Brille betrachtet, sondern etwa durch die französische, chinesische oder amerikanische, dann gibt es dieses grundsätzliche Misstrauen nicht, höchstens im Sinne einer gesunden Skepsis. Und das hat noch nie geschadet.


Und die schweizerische Brille?
Schorer: Wir hatten vor Fukushima zumindest bei einer Abstimmung im Kanton Bern eine Mehrheit, die für ein neues Projekt zu haben war. Danach kippte die Stimmung. Derzeit sind neue AKW’s in der Schweiz kein Thema mehr, aber es gibt eine solide Mehrheit in der Bevölkerung, die sich in Umfragen für einen Weiterbetrieb der bestehenden Atomkraftwerke ausspricht. Daraus schliesse ich: Das Vertrauen ist da.
Der Energieberater Mycle Schneider hinterfragt in seinem Zustandsbericht zur Kernenergie die Wirtschaftlichkeit auch bestehender AKW’s. Kann ein Kernkraftwerk noch wirtschaftlich betrieben werden?
Schorer: Natürlich lassen sich AKW’s wirtschaftlich betreiben. Sonst stünden weltweit nicht mehr als vierhundert Anlagen in Betrieb und wir hätten kaum so viele Neubauprojekte – auch in den Vereinigten Staaten, wo Kernenergie als sauber betrachtet wird.
Körblein: Die Rechnung geht mit den alten Meilern schon deshalb nicht auf, weil ein wesentlicher Teil der Risiken und der Kosten für die Endlagerung auf die Gesellschaft überwälzt wird. Kein AKW-Betreiber wäre auch nur annähernd in der Lage, die Kosten eines grösseren Unfalls zu tragen. Bei Neubauten geht die Rechnung schon gar nicht mehr auf. Ich sehe da keinerlei Wirtschaftlichkeit. Neubauten lassen sich nur noch mit massiven Subventionen realisieren, wie das Beispiel Grossbritannien zeigt, wo der Staat den Betreibern über praktisch die ganze Betriebsdauer weit überhöhte Vergütungen für Strom aus neuen Kernkraftwerken garantiert.
Schorer: Das stimmt so nicht. Es geht im Fall des geplanten Atomkraftwerks Hinkley Point C um Differenzkontrakte zu einem verhandelten Referenzpreis für 35 Jahre. Wenn der Grosshandelspreis tiefer ist, wird die Differenz dem Stromkunden verrechnet. Liegt er dagegen höher, darf der Produzent den Preis nicht erhöhen. Das führt zu Preisstabilität. Zurzeit liegt der Strompreis in England unter dem Referenzwert, aber es gab auch schon Zeiten mit höheren Strompreisen. Im Übrigen gelten diese Garantien für alle klimaschonenden Energiequellen, also auch für die erneuerbaren Energien.

Herr Schorer, Sie kritisieren ja gerade die Förderung alternativer Energien in Deutschland, gleichzeitig haben Sie nichts dagegen, wenn die Kernenergie in Grossbritannien gefördert wird.
Schorer: Eine Subvention hat weitere Subventionen zur Folge. Hierzulande oder in Deutschland werden die alternativen Energien gefördert, die Kernenergie hingegen nicht. In Grossbritannien hat die Politik anders entschieden. Weil die Kernenergie dort als sauber betrachtet wird, wird diese auch gefördert. Und wenn wir die Differenzkontrakte betrachten, so sind sie mit Onshore-Windanlagen vergleichbar.
Körblein: Das stimmt nicht. Windenergie ist sogar deutlich günstiger.
Schorer: Sagen wir es so. Wenn wir nur vom Geld reden, dann gibt es nichts Günstigeres als ein Kohlekraftwerk, befeuert mit Kohle aus Übersee. Das ist aus umweltpolitischen Gründen unerwünscht. Tatsächlich geht es aber darum, im Dreieck Kosten – Umwelt – Versorgungssicherheit den optimalen Strommix zu finden. Am Ende des Tages entscheidet der private Investor im Rahmen der vom Staat vorgegeben Rahmenbedingungen. Niemand anders. Wenn ich beispielsweise die Systemkosten für Stromspeicherung einrechne, die etwa bei Solarenergie anfallen, geht die Rechnung niemals auf, bei einem AKW mit Betriebszeiten von 60 oder mehr Jahren sehr wohl. Dort haben wir zwar eine sehr hohe Investition für den Bau, danach können Sie aber über viele Jahrzehnte mit grosser Zuverlässigkeit Tag und Nacht preisstabil Strom produzieren.
Körblein: Auch das stimmt nicht. Die Fachleute von Agora Energiewende in Deutschland zeigen in ihren Studien überzeugend auf, dass Solarenergie, Wind und Biomasse zusammen mit den Speichermöglichkeiten in den Nachbarländern sich günstig kombinieren lassen, ohne dass es Kernenergie oder auch andere Grundlastkraftwerke braucht. Die Kernenergie verstopft sogar die Netze. Wenn wir die Energiewende ernst nehmen, ist sie der falsche Weg. Der Übergang ist mit hoch effizienten Gaskraftwerken zu schaffen. Der Ausbau der alternativen Energien muss parallel dazu weitergehen, bis wir ganz darauf setzen können. Das ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch günstiger.


Der Neubau von Atomkraftwerken in Europa kommt viel teurer zu stehen als budgetiert. Das zeigen die Erfahrungen in Finnland und Frankreich. Was sind die Gründe?
Schorer: Das müssen Sie die europäische Industrie fragen. Das Beispiel von Olkiluoto in Finnland ist kein Ruhmesblatt. Man muss aber auch sehen, dass hier ein Rolls Royce gebaut wird, man hat nach den Sternen gegriffen. Die technologischen Anforderungen waren zum Teil derart hoch, dass die Zuliefer-Industrie Probleme hatte, diese zu erfüllen. Man muss einfach sehen: Wir hatten eine lange Baupause in Europa. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen. In China wird übrigens derselbe Kraftwerkstyp gebaut. Und man ist im Zeitplan. Unter normalen Umständen sind fünf Jahre genug.
Körblein: Man wollte Olkiluoto ja 2009 in Betrieb nehmen. Und ob das die Chinesen tatsächlich im Plan hinkriegen, werden wir sehen.
Schorer: Sie sind im Plan. Auch die USA und weitere Länder bauen gegenwärtig hochmoderne Atomkraftwerke.
Körblein: Dass bei gleich zwei Projekten in Frankreich und in Finnland sowohl Zeit als auch Kosten so massiv überschritten werden, ist doch nicht normal. Die haben die Technik einfach im Griff. Und in Grossbritannien budgetiert man ja inzwischen schon im Bereich dieser massiven Kostenüberschreitungen. Von Lerneffekt also keine Spur. Mich wundert auch sehr, dass Sie von 60 bis 80 Jahren Lebensdauer sprechen. Wie kommen Sie darauf? Bislang ging man doch immer von 40 Jahren aus. Dabei haben sie mit der erhöhten Leistung sogar das gegenteilige Problem. Die höheren Neutronenflüsse belasten das Material doch viel stärker. Das kann nicht mit noch längeren Betriebszeiten aufgehen.
Schorer: Ein interessanter Punkt. In den 1960er-Jahren war man tatsächlich von 40 Jahren ausgegangen, aufgrund theoretischer Berechnungen der Neutronenflüsse im Reaktordruckbehälter. Jetzt haben die Langzeiterfahrung und verbesserte Rechenmodelle gezeigt: Dieser Degradationsprozess ist langsamer als damals angenommen. Neue Anordnungen der Reaktorkerne beispielsweise belasten die Reaktorwände weniger.
Körblein: Ich habe dreieinhalb Jahre mit Neutronen geforscht. Die kann man nicht abschirmen, sie durchdringen alles und belasten selbstverständlich das Material extrem stark.
Ist denn damit ein Risiko verbunden?
Körblein: Natürlich. Ein sehr hohes sogar. Denn das Material wird unweigerlich immer verspröden. Mir bleibt schleierhaft, wie man unter solchen Umständen auf eine doppelt so hohe Lebensdauer kommen will.
Schorer: Was soll denn falsch daran sein, wenn man eine Technologie weiter entwickelt?
Körblein: Das geht physikalisch nicht.
Schorer: Nun, in der realen Welt des täglichen Atomkraftwerkbetriebs geht es. Auch die Behörden sehen das so. In den USA sind 60 Jahre inzwischen fast Standard. Nochmals: Die damaligen Annahmen waren insofern falsch, als dass das Material weniger belastet wird als berechnet. Das zeigt einfach die betriebliche Erfahrung. Und man kann bestimmte Komponenten, wie die Reaktordeckel im schweizerischen Beznau, ersetzen. Das kostet zwar viel Geld, gibt aber noch eine zusätzliche Sicherheit.
Körblein: Das mag ja sein. Ich bin mir nur nicht sicher, ob in allen Ländern die Behörden das auch tatsächlich genehmigen. Ich halte es primär für einen Rettungsanker für die Atomindustrie, die mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen kämpft und die alten, abgeschriebenen Reaktoren möglichst lange weiter betreiben will. Davon leben sie heute. Denn Neubauten mögen in zentralwirtschaftlich regierten Ländern noch möglich sein. Hier im Westen, mit einem marktwirtschaftlichen System, geht das nicht mehr.
Schorer: Das ist die deutsche Sicht. Die meisten anderen Länder mit Kernenergie sehen das anders. In westlichen Industrieländern gibt es sehr wohl Neubauprojekte.
Lassen wir das mal so stehen und schauen, was von diesen Projekten tatsächlich realisiert wird. Wie sieht es denn hinsichtlich der Aufrechterhaltung der sehr hohen technischen Standards aus, wenn ein Ausstieg in Sicht ist?
Schorer: Die Herausforderung bei einem Ausstiegsentscheid ist, den Nachwuchs zu sichern – es sei denn, man holt die Fachleute aus dem Ausland. Das hohe heutige sicherheitstechnische Niveau der Schweizer AKW hingegen bleibt auf jeden Fall erhalten – sonst müsste die Anlage nach geltendem Gesetz sofort abgestellt werden.


Gilt das auch für AKW’s wie Mühleberg, das 2019 abgeschaltet wird?
Schorer: Der Gesetzgeber gibt die Anforderungen vor. Ein AKW-Betreiber ist zudem verpflichtet, nach dem Stand der Technik nachzurüsten. Deswegen gab es hohe Investitionen in den 1980er- und 1990er-Jahren. Beim AKW Mühleberg verlangte die Aufsichtsbehörde vor einigen Jahren weitere Nachrüstungen. Daraufhin entschied der Betreiber, 2019 abzuschalten, weil es sich nicht mehr rechnet. Inzwischen hat die Behörde das Nachrüstkonzept für die Restlaufzeit genehmigt.
Körblein: In Deutschland wird es sicher bis zum vorgeschriebenen Betriebsende keine Nachrüstungen mehr geben. Würden welche verfügt, würden die Betreiber wie in der Schweiz sicher einfach vorzeitig abschalten.
Muss das Beispiel des deutschen Energiekonzerns E-on nicht zu denken geben, der sich überlegt, Atomkraftwerke in eine Art Bad Bank auszulagern, die sich aus den vorgeschriebenen Rückstellungen finanzieren soll?
Körblein: Das ist eine grosse Gefahr. Kein Mensch kann heute auch nur annähernd abschätzen, was der Rückbau tatsächlich kosten wird, von der Endlagerung ganz zu schweigen. Auch die radioaktiven Probleme, die auf uns zukommen, sind nicht absehbar. Wenn ich nur daran denke, dass ernsthaft geplant ist, kontaminiertes Material wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückzubringen, dann kommen noch grosse Strahlungsdosen auf uns zu. Ich glaube nicht an den Rückbau. Diese nicht lösbaren Probleme werden Proteststürme auslösen, sobald mit den Arbeiten begonnen werden soll. Ich glaube, diese Dinger werden schlicht eingemottet, nur der hochradioaktive Müll wird entfernt.

Gib es eine wirtschaftliche Zukunft für die Kernenergie?
Körblein: Nein.
Schorer: Ja, weil weltweit in diese Technologie investiert wird, nicht nur in den Bau, sondern auch die Weiterentwicklung.


Welches Finanzierungsmodell favorisieren Sie? Inzwischen gibt es ja in der Türkei einen Ansatz, bei dem der Erbauer das AKW auch selbst betreibt, also die Stromrechnungen verschickt. Ist das die Zukunft?
Schorer: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt für jedes Land eine eigene Lösung. In den internationalen Gremien, etwa dem Weltenergierat, geht man heute davon aus, dass neben den erneuerbaren Energien die Kernenergie auch in Zukunft einen festen Platz haben wird. Die tatsächliche Umsetzung kann von Land zu Land variieren. In den Vereinigten Staaten gibt es zum Beispiel für die ersten Anlagen unter dem neuen Bewilligungsregime staatliche Absicherungen, wenn im Behördenverfahren nicht erwartete Probleme auftreten. In Finnland hat man sich für ein genossenschaftliches Modell entschieden. International entwickeln sich die Dinge. 70 Reaktoren sind zurzeit im Bau, 150 geplant, auch die Japaner nehmen die AKW wieder in den Betrieb. Ich meine: Wenn man das Thema Klimaerwärmung ernst nimmt, kommt man auch um das Thema Kernenergie nicht herum. Die Zukunft liegt allerdings gegenwärtig weniger in Europa als vielmehr in Asien und Amerika. Ich bedaure das als Europäer sehr. Ich hoffe, wir finden vernünftige Lösungen auch ohne Kernenergie. Denn die Aussichten sind wenig erfreulich. Wenn ich die Schweiz nehme und an die 25 Terawattstunden denke, die einmal erneuerbar produziert werden sollen, dann sehe ich schwarz. Photovoltaik auf Hausdächern mag ja noch hinnehmbar sein, aber mehr als 1000 Windräder, die mir um die Ohren drehen, nein, das wünsche ich mir schon als Bürger nicht, vom gigantischen Materialaufwand ganz zu schweigen. Sichere, gut gewartete Kernenergie ist für mich die bessere und sauberere Energieform.
Körblein: Also wenn ich das weltweit betrachte, dann müssen wir doch von einem unglaublichen Aufschwung der erneuerbaren Energien sprechen, gerade in Ländern wie Indien oder China, das zu den führenden Staaten weltweit bei Windenergie geworden ist…
Schorer: Die Chinesen machen es richtig. Sie bauen beides: Erneuerbare und Kernenergie…
Körblein: Na ja. Bei der Solarenergie halten sie sich aus wirtschaftlichen Gründen noch etwas zurück, beim Wind sind sie voll dabei. Es sind vor allem die Amerikaner, die im Bereich Solarenergie derzeit sehr stark sind. Die bauen inzwischen jährlich Kapazitäten, die wir in Deutschland nicht annähernd erreichen.

Es gibt in den USA ja AKW’s, die abgeschaltet werden, weil sie kostenmässig mit den Solaranlagen nicht mehr mithalten können…
Schorer: In der Schweiz sind die bewährten Wasserkraftanlagen bedroht, weil der Solar- und Windstrom mit Subventionen massiv verbilligt wird…
Körblein: Solarenergie ist einfach günstiger, auch ohne Subventionen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Schorer: Nein, sonst brauchte es ja keine Einspeisevergütungen für die Produzenten. Dazu kommt, dass zunehmend Photovoltaikanlagen aus chinesischer Produktion verbaut werden, mit einer katastrophalen Ökobilanz…
Körblein: Die sind auch nicht schlechter als jene aus deutscher Produktion. Aber sie sind einfach viel billiger. Sicher werden sie mit Kohlestrom hergestellt. Aber da kommen wir nicht daran vorbei.
Schorer: Wenn ich eine Abschätzung über den ganzen Lebenszyklus einer chinesischen Solarzelle mache, dann ist absehbar: Es gibt derzeit keine schmutzigere Art, Strom zu erzeugen. Leider.
Körblein: Also wir sprechen heute von einer Energierückgewinnungszeit von zwei bis vier Jahren bei den gängigen Solarmodulen bei einer Lebenserwartung von 25 bis 30 Jahren. Das ist doch überhaupt kein Argument mehr, selbst wenn wir noch einen Zuschlag für die weniger ökologische chinesische Produktionsweise nehmen.
Schorer: Ich habe nicht behauptet, dass man weniger Energie herausholt, als hineingesteckt wurde. Es geht um die ganzen Produktionsbedingungen in China. In Deutschland gibt es gute Umweltgesetze und Arbeitnehmerschutz. In China wurden schon Solarfabriken gestürmt, weil es in der Umgebung zu Massensterben bei Fischen gekommen war. Das ist das Problem.
Körblein: Das Problem, das sie ansprechen, haben Sie bei jedem Mobiltelefon und jedem Computer auch. Sie können es drehen und wenden, wie sie wollen. Die Ökobilanz ist schlicht viel besser.

Sprechen wir über die Endlagerung. In Gorleben fällt es besonders auf. Das Thema ist viel mehr politisch als technisch geprägt. Das erhöht doch die Gefahr, dass dort gebaut wird, wo der Widerstand am geringsten ist. Wie sehen Sie das Problem?
Körblein: Das wird in Deutschland mit dem Arbeitskreis Endlagerung versucht. Ziel ist es, einen nationalen Konsens zu erreichen, wie eine Endlagersuche ausschauen könnte, also möglichst demokratisch unter Einbindung aller Beteiligten.
Aber damit ist man doch zurück auf Feld eins…
Körblein: Gorleben war 1979 ein einsamer Entschluss des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Das Thema ist erledigt. Man hält optional noch daran fest, aber die Diskussion ist tatsächlich neu lanciert. Man sucht nach einem fairen Verfahren. Das ist sicher der vernünftigste Weg.
Schorer: Das Verfahren, wie Sie es für Deutschland schildern, wird in der Schweiz zurzeit angewendet, unter ausdrücklichem Einbezug der Bevölkerung an den angedachten Standorten. Wir haben aus Erfahrungen in Schweden gelernt, dass man auf die Menschen zugehen muss, um eine Akzeptanz zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, dass das geschafft wird. Aber wir müssen damit leben, dass es sehr, sehr lange dauern wird. Das bedaure ich, vor allem bei den schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Warum sind wir nicht in der Lage, so einfach zu handhabende Dinge wie Handschuhe oder Filter in nützlicher Frist zu entsorgen? International ist das doch längst kein ernsthaftes Thema mehr. Das legt einer modernen Gesellschaft kein gutes Zeugnis ab, wenn selbst diese Themen politisiert werden. Immerhin haben wir ein gutes Zwischenlager.


In Deutschland sind ja derzeit Endlager-Standorte in Bayern im Gespräch. Wird sich da Widerstand regen?
Körblein: Die Bayern haben zwar den höchsten Solarstromanteil Deutschlands, aber ob sie so einfach einem Endlager zustimmen, wage ich sehr zu bezweifeln. Es wird Widerstand geben. Und zwar beträchtlichen. Aber das gehört dazu. Wir müssen einen Weg für eine nationale Lösung finden.


Wie werden die Endlagerprobleme in Ländern wie Bangladesh, Jordanien oder China gelöst werden?
Schorer: Die IAEA hat schon vor Jahren bei Neueinsteigern Skepsis angemeldet. Es braucht ein Minimum an Know-how, es braucht regulatorische Vorgaben, die auch umgesetzt werden müssen. Man hat sich weltweit geeinigt, dass hoch radioaktive Abfälle in geologischen Tiefenlagern versenkt werden sollen. Die Russen nehmen den Brennstoff übrigens zum Recycling zurück. Damit haben ihre Kunden das Problem der Endlagerung nicht.
Körblein: Ich hoffe sehr, dass diese Länder auf die Kernenergie verzichten. Gerade um das Rote Meer herum ist das solare und Wind-Potenzial ja immens, bei sinkenden Kosten. Ich vermute, dass sich dieses schlagende ökonomische Argument durchsetzen wird. Ich zweifle auch, ob die osteuropäischen Projekte tatsächlich umgesetzt werden.
Und das Endlagerproblem?
Körblein: Grundsätzlich steht man überall auf der Welt vor den gleichen technischen Herausforderungen. Niemand weiss heute, wie es gehen soll.
Schorer: Doch, wir wissen sehr gut wie das geht, und viele Länder wie Finnland, Schweden oder Frankreich tun das bereits. In der Schweiz ist zudem die Rückholbarkeit im Gesetz vorgeschrieben. Man kann ja nicht ausschliessen, dass neue Technologien entwickelt werden für eine noch bessere Endlagerung, oder dass neue Formen der Energiegewinnung aus spaltbarem Material zur Verfügung stehen. Grundsätzlich liesse sich die Menschheit mit diesen «Abfällen» über viele Tausende von Jahren mit Energie versorgen. Wir stehen ja noch immer am Anfang dieser Technologie.
Körblein: Die Rückholbarkeit erachte ich nicht als wünschenswert. Wir hatten genug Probleme damit.
Schorer: Dieser Abfall ist eben eigentlich keiner, ausser er ist nach der Wiederaufarbeitung verglast worden. Ausgediente Brennelemente kann man aber durchaus noch weiter nutzen.
Körblein: Die Wiederaufbereitung ist gescheitert, aus ökonomischen und umwelttechnischen Gründen. Das ist ein alter Traum der Techniker, der längst ausgeträumt ist.
Schorer: Es gibt weltweit diverse Anlagen, die seit Jahrzehnten in Betrieb sind, und derzeit wird an einer weiteren Verbesserung der Technologie gearbeitet. Ich möchte auch nochmals betonen: Die Nuklearindustrie hat sich als eine der ganz wenigen Industrien vom ersten Tag an mit dem Thema Entsorgung beschäftigt. Darauf dürfen wir stolz sein. Und angesichts der sehr hohen Wertschöpfung dieser Anlagen ist für mich auch die Finanzierbarkeit kein Thema, um das wir uns Sorgen machen müssen.


Wie ist es denn um die Sicherheit der Zwischenlager bestellt? Panzerbrechende Waffen, die auch einen Castor-Behälter durchschlagen, zu beschaffen, ist heute kein grosses Problem mehr.
Schorer: Und, was würde geschehen? Es käme zu einer verkraftbaren Freisetzung radioaktiver Stoffe.
Körblein: Also, wenn es zu einem Brand kommt, kann von verkraftbar keine Rede mehr sein. Aber das ist nicht das Schlüsselproblem. Für mich ist das Thema Wiederaufbereitung gegessen. Man hat einsehen müssen, dass das nicht funktioniert.
Schorer: Zu Ihrer Information: Russland hat eben einen schnellen Brüter in Betrieb genommen, Indien steht kurz davor, die Europäische Union plant in den 2020er-Jahren eine Inbetriebnahme. Es geht um eine Weiterentwicklung französischer Technologie. Die Brütertechnik mag aus wirtschaftlichen Gründen eingeschlafen sein, aber wenn wir das langfristig betrachten, ist der potenzielle Beitrag zur Energieversorgung der Menschheit so gross, dass wir das Thema nicht zu den Akten legen dürfen. Ob es dereinst wirtschaftlich zu machen sein wird, weiss ich aus heutiger Sicht nicht. Das kann in 50 oder 100 Jahren aber ganz anders aussehen.


Ich komme zum Schluss: Für Herrn Körblein ist die Kernenergie am Ende, für Herrn Schorer hat ihre Zukunft erst begonnen.
Schorer: Die Kugelhaufenreaktoren könnten beispielsweise den Weg in die Zukunft weisen. In Deutschland hat man diese Technologie, die wesentlich weniger Kühlungsprobleme bereitet, zu früh aufgegeben. Inzwischen steht in China die erste solche Anlage im Bau.
Körblein: Ob das sich rechnet, weiss kein Mensch.
Schorer: Sicher. Aber das kann sich ändern. Deshalb braucht es ja die Grundlagenforschung so dringend.


Anderseits weiss ja niemand, wie tief die Preise für erneuerbare Energien noch sinken werden. Unter Umständen werden damit auch künftige Nutzungen obsolet.
Schorer: Das Problem ist ein anderes. Der europäische Strommarkt ist total durcheinandergewirbelt worden, unter rein privatwirtschaftlichen Kriterien sind heute überhaupt keine Investitionen mehr sinnvoll. Das heisst, wir laufen etwa in der Schweiz Gefahr, in eine Subventionsspirale zu geraten, die allen schaden wird. Ich habe in der Schule noch gelernt, Wasserkraft sei das weisse Gold in unserem Land ohne Rohstoffe. Daran haben wir alle sehr gut verdient, und jetzt müssen wir auch die Wasserkraft subventionieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.


Wo liegt denn das europäische Problem?
Schorer: Einerseits die Wirtschaftskrise mit sinkender Stromnachfrage, anderseits das deutsche Fördermodell, das unsere eigene Konkurrenzfähigkeit noch über Jahre gefährdet. Heute haben wir deutschen hochsubventionierten Grünstrom, der quasi verschenkt wird, weil das noch immer billiger ist, als ihn nicht zu produzieren. Diese Mechanismen sind für unsere Wasserkraftwerke bedrohlich. Dieser so genannte Zappelstrom aus Sonne und Wind bringt manche Flusskraftwerkbetreiber schon dazu, das Wasser ungenutzt durchzulassen, weil der Strom zu den Zeiten, da die Sonne scheint und der Wind weht, praktisch unverkäuflich ist. Das kann doch nicht die Lösung sein.
Körblein: 2010 ist das Fördermodell von der schwarz-blauen Regierung geändert worden. Zuvor gab es fixe Abnahmepreise für die Erneuerbaren. Seither wird dieser Strom an der Energiebörse in Leipzig gehandelt, zu Preisen, die allen Verluste einbringen. Das ist letztlich ein fehlerhaftes Strommarktdesign. Damit war auch der Niedergang der Solarbranche in Deutschland beschlossene Sache. Denn tatsächlich wird Solarstrom heute kaum mehr bezuschusst, weil ein Grossteil dieser Subventionen der Industrie zufliesst. Die 18 Milliarden jährlich, die für die Förderung von Wind und Sonne ausgegeben werden, müssen zu einem Grossteil von den privaten Abnehmern refinanziert werden. Die Industrie profitiert derweil von den Niedrigstpreisen.


Waren denn die grossen erneuerbaren Energiemengen absehbar?
Körblein: Ja. Aber man hat falsch darauf reagiert und die Zuschüsse radikal heruntergefahren. Heute verdienen Sie als Solarstromproduzent kaum mehr Geld.
Schorer: Die Hälfte des Strompreises in Deutschland ist letztlich von der Politik gesteuert.


Wer produziert denn nun zuviel Strom?
Körblein: Ganz klar. Das ist Braunkohlestrom.


Warum wird diese Produktion nicht gedrosselt?
Körblein: Weil die Betreiber kein Interesse daran haben. Sie wollen möglichst lange Laufzeiten. Ihrer Rendite zuliebe. Wenn wir diese Laufzeiten einschränken, wäre das Problem schon fast gelöst.

Aber die Überproduktion ist effektiv doch relativ gering…
Körblein: Das sind schon beträchtliche Mengen, die heute exportiert werden.


Das Problem sind doch die Spitzenzeiten. Früher machten die Schweizer ihr Geschäft, wenn sie die Turbinen einschalteten, weil zu wenig Strom verfügbar war.
Schorer: Die Netzbetreiber dürfen Windanlagen ja nicht einmal wegschalten. Sie sind gezwungen, deren Strom weiterzuleiten, auch wenn ihn niemand will. Dann purzeln die Preise.
Körblein: Das stimmt so nicht. Es gilt die Regel, dass jener Strom bevorzugt wird, der sich am billigsten produzieren lässt. Wer trotzdem einspeist, muss dies zu schlechteren Preisen tun.
Aber was wäre denn die Alternative zur Förderung? Nichts tun?
Körblein: Ohne Förderung wäre nichts geschehen. So einfach ist das.


Aber wie soll das Problem der Überproduktion gelöst werden?
Körblein: Es ist eine Frage des Strommarktdesigns. Dazu gibt es gute Ideen, wie Energiewende und Eispeisevergütungen sinnvoll kombiniert werden, damit es nicht mehr zu Niedrigst-Preisen kommt, die allen schaden.
Schorer: Da wären wir Ihnen sehr verbunden.


Auf lange Sicht sind doch Schweizer Speicherenergien interessant…
Körblein: Sicher. Das würde ideal zusammenpassen.


Schweizer Wasserkraft gegen deutschen Windstrom…
Körblein: Auch die Schweiz hat mehr als genug Potenzial. Sie muss es nur abrufen. Aber die Schweiz hat vor allem die Wasserkraft. Damit könnte sie noch viel Geld verdienen.
Schorer: Die Schweizer Wasserkraftwerkbetreiber rechnen auch. Pumpspeicherwerke sind unter dem Strich Stromverbraucher, zudem kann das Wasser auch nicht beliebig gespeichert werden, bis die Stromnachfrage stimmt. Irgendwann ist der Stausee nämlich voll. Kurz: Das System ist kompliziert. Zudem reicht unsere Kapazität bei weitem nicht aus, um das deutsche Speicherproblem zu lösen. Sie würde gerade mal für 20 Minuten reichen. Dann müssten wir wieder ein halbes Jahr Wasser bunkern. Und Windräder auf den Bergkämmen, das sehe ich nicht. Sie sind praktisch immer in einem Schutzgebiet. Da beisst sich doch die Katze in den Schwanz. Die Schweizer Energiewende wird, so befürchte ich, nicht funktionieren. Mehr als 1000 Windräder in der Schweiz: Das ist politisch nicht machbar.
Körblein: Aber mit einer vernünftigen Übergangslösung können Sie die Speicherseen doch gewinnbringend nutzen.
Schorer: Theoretisch ja. Es werden derzeit ja auch zwei Pumpspeicherkraftwerke mit grossen Kapazitäten gebaut. Nur weiss heute niemand, ob die sich je rechnen werden. Bei den derzeitigen Preisen jedenfalls ist das schwierig. Für mich kommt noch ein Aspekt dazu: Die Klimaziele der Schweiz lassen sich ohne Kernkraft nicht realisieren, ausser wir klammern die übergangsweise zu bauenden Gaskraftwerke aus der CO2-Gesetzgebung aus. Ausstieg und Klimaziele gleichzeitig sind praktisch nicht machbar.


Zur Person:


Dr. Michael Schorer, Jahrgang 1955, studierte physikalische Geographie. Er arbeitete bei einer Schweizer Tageszeitung als Inlandredaktor und spezialisierte sich als Wissenschaftsjournalist. In dieser Funktion arbeitete er bei verschiedenen Kommunikationsunternehmen, die wissenschaftlich-technische Sachverhalte vermitteln. Er ist Leiter Kommunikation beim wissenschaftlich-technischen Fachverein Nuklearforum Schweiz in Bern.


Alfred Körblein, Jahrgang 1943, studierte Physik. Promotion in Heidelberg mit Forschungstätigkeit am Kernforschungszentrum in Karlsruhe und am Hochfluss-Forschungsreaktor (ILL) in Grenoble, Frankreich. Danach bei Siemens tätig in der Hardware-Entwicklung von Grossrechnern. Seit 1999 beschäftigt er sich intensiv mit den Auswirkungen von niedriger radioaktiver Strahlung, zuerst für das Umweltinstitut München, seit 2004 als freier Forscher im Unruhestand.























Timothy Mousseau: "Fukushima Catastrophe and its effects on Wildlife"