Vom Saulus Atombombe zum Paulus Atomkraftwerk

geschrieben von  Urs Fitze

In den 1950er-Jahren, das atomare Wettrüsten der Supermächte war voll im Gang, galt Atomenergie praktisch über Nacht als die Schlüsseltechnologie zur Lösung aller Energieprobleme. Der Saulus Atombombe sollte zum Paulus Atomkraftwerk werden. Die Saat keimte weit weniger als damals erhofft.

1946 erhält der Genetiker Hermann J. Muller (1890–1967) den Nobelpreis für Medizin. Seine bahnbrechende Entdeckung liegt da schon zwei Jahrzehnte zurück. Dem Forscher war der Nachweis gelungen, dass Röntgenstrahlen Mutationen in den Genen von Fruchtfliegen auslösen. »Dieser Effekt ist universal«, erläutert Komiteemitglied Torbjörn Caspersson in seiner Festrede, »Mutationen lassen sich nach einer Bestrahlung in allen Organismen beobachten, von einfachen Viren über Bakterien bis zu den höchst entwickelten Pflanzen oder Säugetieren«. Der Nobelpreis für Muller ist, ein Jahr nach den Atombomben-Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki, auch ein politisches Zeichen. Muller, ein überzeugter Linker und Humanist, hatte schon 1927 Mutationen als Krebsursache vermutet und sah sich in späteren Forschungsergebnissen mehr und mehr darin bestätigt: Schon kleinste Strahlenmengen an der damaligen Nachweisgrenze lösen Mutationen aus. Deren Zahl nimmt linear mit steigender Dosis zu. Muller wurde während seines ganzen Forscherlebens zum Mahner gegen die zunehmend wahllose Verwendung künstlich erzeugter Strahlung. Im August 1955 sollte er an der Internationalen Konferenz über die friedliche Verwendung der Atomenergie einen Vortrag über »Veränderungen der Erbmasse durch Strahleneinwirkung« halten. Doch dazu kommt es nicht. Das Manuskript, das schon Anfang Juli vorgelegt werden musste, wird abgewiesen, Muller ausgeladen. Die Rede hat sich erhalten. Er schreibt darin: »Der Frieden wird, so hoffen wir alle, einer langen Folge von Generationen erhalten bleiben. Unter diesen Umständen wird es umso notwendiger sein, die Strahleneinwirkung zu kontrollieren und zu begrenzen, der die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit ausgesetzt ist, denn nach einer genügend langen Generationenfolge wird das Niveau erreicht sein, auf dem ein Gleichgewicht der Schädigung erreicht ist, ein Niveau, auf dem der Schaden nicht länger durch die Pufferwirkung des Körpers abgeschwächt wird, sondern genau der bestehenden Mutationsrate entspricht. Dann wird eine verhältnismäßig kleine Dosis in einer Generation weitaus größere Wirkung haben, als dies jetzt der Fall zu sein scheint. In dem Augenblick, in dem dieser Prozess gerade erst begonnen hat, sollten weitblickende Maßnahmen ergriffen werden. Diese Maßnahmen müssen uns vor dem gefährlichen Irrtum bewahren, dass wir uns um Dinge, die man weder sieht noch fühlt, nicht zu kümmern brauchen. […] Gleichzeitig sollte man aber nicht dem gefährlichen Irrtum verfallen, den Menschen als eine Spezies zu betrachten, die durch Bestrahlung ihres Keimplasmas Vorteile auf lange Sicht zu erwarten habe. Das eigene Erbgut des Menschen ist sein unschätzbarer und unersetzlicher Besitz. Dieses Erbgut unterliegt heute bereits einer Reihe von Veränderungen, die im Verhältnis zur Zeugungspraxis der Menschen unserer Tage an die Grenzen der Belastbarkeit reichen. Unter diesen Umständen muss die erste Sorge des Menschen bei der Behandlung des Strahlenproblems seinem eigenen Schutze gelten.«


»Die Sprache des atomaren Krieges«
Mullers visionäre, nie gehaltene Rede waren die Worte eines Mahners in der Wüste. Die erste Genfer Atomkonferenz folgt ganz anderen Zielen. Der US-amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower hatte 1953 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur »friedlichen Nutzung der Atomenergie« aufgerufen. Eisenhower zieht alle Register. »Ich fühle mich verpflichtet, in einer neuartigen Sprache zu sprechen, eine Sprache, die jemand wie ich, der so viel Lebenszeit als Berufsmilitär verbracht hat, lieber nie verwendet hätte. Diese neue Sprache ist die Sprache des atomaren Krieges.« Nach einer Schilderung des immensen zerstörerischen Potenzials kommt Eisenhower auf das neue Gleichgewicht des Schreckens zwischen den USA und der Sowjetunion zu sprechen, nicht ohne zu versichern, dass die USA bei einem Angriff genügend Potenzial zur Vergeltung hätten, »um den Aggressor in Schutt und Asche zu legen«. Doch dies sei, obwohl Tatsache, »weder unsere wahre Absicht noch unsere Hoffnung«. Sein Land wolle konstruktiv, nicht destruktiv sein, es strebe nach Abkommen, nicht nach Krieg zwischen den Nationen: »Mein Land strebt danach, uns aus den dunklen Kammern des Horrors ans Licht zu führen.« Dazu gehöre auch die atomare Abrüstung. »Und es ist nicht genug, diese Waffen aus den Händen der Militärs zu nehmen. Sie gehören in die Hände jener, die es verstehen, sie von ihrer militärischen Hülle zu befreien und sie für friedliche Zwecke zu nutzen. Die Vereinigten Staaten wissen, dass, wenn dieser fürchterliche Trend zu immer mehr Atomwaffen in sein Gegenteil verkehrt werden kann, diese schlimmste aller Waffen in einen Segen für die ganze Menschheit verwandelt werden kann.« Eisenhower schlägt die Gründung einer Atom-Energie-Agentur zur friedlichen Nutzung der Atomenergie vor.

Atombombentest Bravo über dem Bikini-Atoll am 1. März 1954 mit einer Sprengkraft von 15 Megatonnen, mehr als das Tausendfache der Hiroshimabombe (Bild: United States Department of Energy)

Über die wahren Hintergründe von Atoms for Peace schweigt er sich aus. Am 1. März 1953 haben die USA im Bikini Atoll im Pazifischen Ozean die fürchterlichste Waffe der Menschheitsgeschichte getestet: Castle Bravo, die Wasserstoffbombe, über tausendmal stärker als die Atombombe von Hiroshima. Ihre Wirkung übertrifft alle Erwartungen. Ein Gebiet von der Größe des Kantons Tessin wird verwüstet, auf ein japanisches Fischerboot, das in 130 Kilometern Entfernung fährt, regnet während drei Stunden weiße Asche herab. Die 23-köpfige Besatzung erleidet schwere Strahlenschäden, ein Mitglied stirbt im September. Das Schicksal des japanischen Fischkutters »Lucky Dragon V« inspiriert die japanischen Toho Studios zur Schaffung des Filmmonsters Godzilla, ein urzeitliches Wesen, das durch die Atombombentests zu neuem Leben erwacht und Angst und Schrecken über die Welt bringt. In zahlreichen Neuverfilmungen geistert Godzilla bis heute durch die Kinos der Welt. An einem Treffen des Nationalen Sicherheitsrats am 6. Mai 1953 zeigt sich Eisenhower besorgt, dass Castle Bravo die Welt werde denken lassen, »wir seien Stinktiere, Säbelrassler und Kriegstreiber«. Es geht aber nicht nur darum, die USA als friedliebende Nation zu präsentieren, der es um das Wohlergehen der ganzen Welt geht, sondern auch um wirtschaftliche Interessen, denn die Vereinigten Staaten sitzen auf einem gigantischen atomaren Komplex mit einem ebenso gigantischen wirtschaftlichen Potenzial. Und Zehntausende vom atomaren Wettrüsten desillusionierte Spezialisten sind auf der Sinnsuche. Sie wollen ihr Fachwissen nicht länger dem Fluch des Krieges, sondern dem Segen einer friedlichen Nutzung widmen.

»Wäre ich bloß Uhrmacher geworden«
Ist das das »neue Denken«, das Albert Einstein unter dem Eindruck der Atombombe gefordert hat? Denn die Atombombe habe alles verändert, »nur nicht die Art unseres Denkens«. Einstein plädier- te für eine Abkehr vom steten Glauben an technischen Fortschritt und dessen Machbarkeit. Stattdessen müssten stets auch die möglichen Konsequenzen mit einbezogen werden. Doch Einstein ahnte, dass hier der Wunsch Vater seines Gedankens war: »Die Lösung liegt in unseren Herzen. Wäre ich bloß Uhrmacher geworden.« Als Eisenhower seine Rede hält, verfügen die Vereinigten Staaten über knapp 1000 Atomwaffen. 1960 werden es über 18 000 sein. Mit seinem Appell zur friedlichen Nutzung rennt der US-amerikanische Präsident dennoch weltweit offene Türen ein. Wieder, wie einst beim Radium, scheint die Welt nur darauf gewartet zu haben. Die von den Vereinten Nationen organisierte »Genfer Konferenz« über die friedliche Verwendung der Atomenergie, eigentlich als wissenschaftliche Veranstaltung mit Teilnehmern beidseits des Eisernen Vorhangs gedacht, wird im August 1955 zur Propagandaveranstaltung: die Sowjetunion mit dem Slogan »Lassen wir das Atom Arbeiter und nicht Soldat sein«, die Vereinigten Staaten, England, Kanada und Frankreich präsentieren ihre Version des zivilen Atomreaktors. Ein Schaureaktor der Amerikaner in einem Holzchalet im Keller des Genfer Palasts der Nationen zieht Zehntausende Schaulustige an. Das bläuliche Leuchten des in einem Wasserbecken untergebrachten, später von der Schweiz zu Forschungszwecken gekauften Atomreaktors wird zum Symbol eines neuen Zeitalters: Alles scheint machbar, und der Atomstrom, »der zu billig ist, um den Verbrauch überhaupt zu messen«, wird von euphorischen Medien als Lösung aller Energieprobleme gepriesen. Bis ins Jahr 2000 sollen 75 Prozent des Weltenergiebedarfs mit Atomenergie gedeckt werden. In einem von den Walt Disney Studios 1954 produzierten Dokumentarfilm »Unser Freund, das Atom« mutiert ein böser Flaschengeist, der mit Atombomben Tod und Zerstörung über die Welt bringt, unvermittelt zu einem sanftmütigen Riesen, der den Menschen hilft, all ihre Probleme zu lösen: saubere Kraftwerke, Flugzeuge, die dank Atomantrieb um die Welt fliegen, ohne nachzutanken, dank Bestrahlung zu Höchstleistungen angetriebene Nutzpflanzen, und Strahlenkanonen, die den Krebs abtöten. Die Euphorie packt alle politischen Lager. In Deutschland träumt der Landwirtschaftsminister der Adenauer-Regierung von gigantischen Erträgen dank bestrahlten Gemüses, während in Kreisen der SPD von kleinen Kisten mit Mini-Atomreaktoren die Rede ist, die eine Stadt von 10 000 Einwohnern mit Energie versorgen könnten. Der deutsche Atomminister Siegfried Balke macht 1961 eine Existenzfrage daraus: »Wenn wir keine Kernkraftwerke anzubieten haben, werden wir eines Tages auch keine Staubsauger mehr verkaufen.« Atom für den Frieden wird zum Allheilmittel verklärt. Die Wissenschaft macht mit. Zwar wenden sich führende Wissenschaftler wie Albert Einstein, Bertrand Russell oder Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, in mehreren Appellen vehement gegen Atombomben und die bis in die 1960er-Jahre grassierenden Atomwaffentests. Die zivile Nutzung der Atomkraft wird etwa von Otto Hahn begrüßt und als Beitrag zur Völkerverständigung und für den Frieden gefeiert.

Strahlenschutz und Entsorgung des atomaren Mülls verkommen in diesem Machbarkeitswahn zu einfach lösbaren Randproblemen – sofern sie überhaupt diskutiert werden. Nach der Konferenz Atoms for Peace laufen in 30 Staaten Programme zur Nutzung der Kernenergie an. Die Saat Eisenhowers ist aufgegangen. Doch blühen wird sie nicht. Im Jahr 2014 beträgt laut der Internationa- len Energieagentur IEA der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Energieproduktion 4,4 Prozent und ist damit nicht einmal halb so hoch wie jener der Biomasse (Brennholz, Holzkohle, Dung, land- und forstwirtschaftliche Reststoffe). In der Schweiz machte im Jahr 2012 die Atomenergie 36 Prozent, in Deutschland 16 Prozent, den USA 19 Prozent und in Frankreich 75 Prozent der Strompro- duktion aus. Seit 1945 ist es auf zivilen und militärischen Produktionsanlagen zu großen Unfällen gekommen: Mayak (UdSSR) 1957, Windscale (heute Sellafield) (Großbritannien) 1957, Three Miles Is- land (USA) 1979, Tschernobyl (UdSSR) 1986, Fukushima (Japan) 2011. Auch in der Schweiz kommt es im unterirdischen Versuchsreaktor Lucens 1969 zu einer teilweisen Kernschmelze. Dazu kommen Hunderte von Störfällen, die oft nur mit sehr viel Glück glimpflich enden. 2006 kann im Kernkraftwerk Forsmark in Schweden nach einem Stromausfall und einem teilweisen Versagen der Notstromaggregate ein Super-GAU erst in letzter Minute verhindert werden. Insgesamt kommt mit der Freisetzung von Radionukliden durch Störfälle und den Betrieb von Kernkraftwerken, Atomwaffentests und medizinische Anwendungen weltweit nochmals etwa ein Fünftel zu der schon vorhandenen natürlichen Strahlenbelastung hinzu.

zum Weiterlesen:

Horst-Michael Prasser, Leiter des Lehrstuhls für Kernenergiesysteme an der ETH in Zürich: "Auf Kernenergie wird die Menschheit weiter angewiesen sein."

Charles Perrow, Soziologe und Organisationstheoretiker, USA: "Atomkraftwerke gehören verboren."

Sebastian Pflugbeil, Deutsche Gesellschaft für Strahlenschutz: "Es wird wieder und wieder heruntergespielt."

Ortwin Renn, Umwelt- und Techniksoziologe, Deutschland: "Es geht um die Akzeptanz."

 

 

 

The Magic of the Atom (1955)

  • Propagandafilm aus dem Jahr 1955, der das Leben in der Nähe von atomaren Anlagen als modern und zukunftsgerichtet preist, die radioaktive Gefahr sei in jeder Hinsicht im Griff. https://archive.org/details/MagicOfTheAtomPowerUnlimited1955

Kernspaltung

  • Kernspaltung

    Neutronen können mit schweren Atomkernen reagieren. Dabei kann das Neutron eine Kernspaltung auslösen. Der Atomkern zerbricht in zwei Teile, vergleichbar einem sich auftrennenden Tropfen, unter Freisetzung von Neutronen, radioaktiver Strahlung und großer Hitze. Die freigesetzten Energiemengen sind gigantisch und übertreffen bei Uran-235 jene, die bei der Verbrennung von Kohlenstoff entsteht, um das 2,5-Millionenfache.

Hintergrundbild_atomkraft

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