Radium Girls: Missbrauchte Unschuld

geschrieben von  Urs Fitze

Tausende Zifferblattmalerinnen brachten in den 1920er-Jahren Uhrenzifferblätter nachts zum Leuchten – mit der radioaktiven Leuchtfarbe Undark. Sie zahlten mit ihrer Gesundheit.

 

 

 

Es ist der Traumjob für eine junge Arbeiterin: Leuchtziffern bemalen in einer Uhrenfabrik. Die Arbeit ist anspruchsvoll und gut bezahlt. Dazu kommt ein Schuss Modernität. Das 1898 von Pierre und Marie Curie entdeckte Radium gilt als wahres Wundermittel. Es bringt nachts nicht nur Uhren-Zifferblätter zum Leuchten, sondern verspricht, zum »flüssigen Sonnenschein« verklärt, ewige Jugend, wenn es direkt in den Körper gespritzt oder als »Radiumwasser« getrunken wird. Die 17-jährige Francis Splettstocher zählt sich 1921 zu den Glücklichen, als sie einen der begehrten Jobs in der Waterbury Clock Company in Waterbury im Naugatuck Valley im Bundesstaat Connecticut an der Ostküste der Vereinigten Staaten erhält. Die Region gilt wegen der vielen Uhrmanufakturen als die »Schweiz Amerikas«. Millionen Uhren werden jährlich gefertigt; die 1854 gegründete Waterbury Clock Company (heute Timex) exportiert auch nach Europa. Ein Kassenschlager sind die im Ersten Weltkrieg entwickelten Armbanduhren mit Leuchtziffern. Sie sind eine Weiterentwicklung der ersten Billiguhr der Geschichte, der »Ingersoll Yankee« zum Preis von einem Dollar, die als »die Uhr, die den Dollar berühmt machte«, in die Geschichte einging.

Die Artilleristen hatten im Krieg genaue, handliche Uhren benötigt – auch nachts. Da kam Undark, eine fluoreszierende Farbe, gerade recht. Sie geht auf eine Erfindung des Elektroingenieurs William J. Hammer zurück. Er hatte 1902 mit einer Radiumprobe experimentiert, die ihm Marie Curie in Paris überlassen hatte. Sie hatte ihn beeindruckt, als sie seinen Diamantring im Dunkeln zum Leuchten gebracht hatte, indem sie ihn neben eine Schachtel hielt, die ein Gramm Radium enthielt. »Es war, wie wenn man eine brennende Kerze neben den Diamanten gehalten hätte«, erinnert er sich in seinem 1902 erschienen Buch »Radium, and Other Radio-Active Substances«. Das blaugrüne Schimmern faszinierte auch die Forscherin Marie Curie: »Ein großes Vergnügen waren die nächtlichen Besuche des Arbeitszimmers. Auf allen Regalen waren die schwach leuchtenden Silhouetten der Fläschchen zu erkennen, in denen wir unsere Substanzen aufbewahrten. Ein wirklich hübscher Anblick, der mich jedes Mal aufs Neue bezauberte. Die glühenden Röhrchen erschienen mir wie die Lichter der Märchenfee.« Hammer mischt das Radium mit Zinksulfid, von dem bekannt ist, dass es von radioaktiver Strahlung zum Leuchten gebracht wird. Das Resultat ist ein Farbstoff, der nachts glüht. Radium noch mehr. Hammer behandelt erfolgreich ein Geschwür an seiner linken Hand und empfiehlt es zur Krebstherapie. In seinem Buch beschreibt er detailliert die Eigenschaften der radioaktiven Strahlung, die sich in drei verschiedene Strahlenarten gliedere: Alpha-, Beta- und Gammastrahlen. Die Alphastrahlung mache den Hauptteil des Radiums aus. Ihre Radioaktivität sei rund eine Million Mal stärker als jene des Urans, könne aber nur sehr dünne Schichten fester Körper durchdringen und wirke auch in der Luft nur wenige Zentimeter weit. In den Messreihen genügen hauchdünne Aluminiumfolien von fünf Tausendstel Millimeter Dicke zur Abschirmung. Dass beim Hantieren mit radioaktivem Material große Vorsicht geboten ist, ist den Wissenschaftlern der Zeit wohlbekannt. Henri Becquerel, der 1903 zusammen mit dem Ehepaar Curie den Nobelpreis für Physik für die Entdeckung der Radioaktivität erhalten hat, hatte 1900 eines der strahlenden Fläschchen mit Radium in seiner Brusttasche herumgetragen und die an einen Sonnenbrand erinnernden Verbrennungen der Haut als direkte Folge der Bestrahlung interpretiert. Unbeabsichtigt inspirierte er damit andere Forscher zur Entwicklung der Strahlentherapie. Becquerel stirbt 1908 im Alter von 56 Jahren an den Folgen jahrelanger Verstrahlung.

Radioaktiver Abfall im Sandkasten
William J. Hammer verkauft seine Rezeptur 1914 an die Firma Radium Luminous Material Corporation (später US Radium). Die unter dem Markennamen Undark vertriebene Leuchtfarbe wird nach Kriegsende zum Renner. Die Welt scheint darauf gewartet zu haben. Nicht nur Zifferblätter, auch Hausnummern oder die Augen von Puppen leuchten dank Undark, die »besonders hygienischen« Produktionsabfälle werden als Füllmaterial für Sandkästen verkauft. Das passt in eine Zeit, in der Ärzte Radium zur Behandlung aller möglichen Krankheiten empfehlen und am Institut Curie in Paris sensationelle Heilungserfolge mit Radiumtherapien erzielt werden. Für manche gilt Radium als die eigentliche Urquelle des Lebens. Radiumspritzen sind das Botox der besseren Gesellschaft im New York der 1920er-Jahre, während sich in Europa Radiumbäder großer Beliebtheit erfreuen. Die Gefahren spielt auch die in den Vereinigten Staaten seit einer Vortragsreise 1921 populäre Marie Curie immer wieder herunter. Als sie 1920 an grauem Star erkrankt, einer, wie man heute weiß, häufigen Folge von Verstrahlung, vermutet sie einen Zusammenhang mit dem Radium, lässt die Sache aber nach vier Augenoperationen auf sich beruhen. Erst einige Jahre später empfiehlt sie den Mitarbeitern ihres Labors, sich mit Bleiwesten zu schützen. Besonders Frauen waren in den Uhrenmanufakturen als Zifferblattmalerinnen gefragt, ihrer »grazilen Hände« und »großen Geschicklichkeit« wegen. Tausende werden in den frühen 1920er- Jahren eingestellt. Denn die Nachfrage nach den günstigen Uhren, die nachts so zauberhaft leuchten, explodiert. Alleine 1920 produzieren die Uhrenfabriken in den USA vier Millionen Stück. Gearbeitet wird an kleinen Tischchen in hellen, großen Fabriksälen. Zeitgenössische Fotos zeigen die im Stil der Roaring Twenties frisierten, akkurat gekleideten jungen Frauen, die, den Kopf leicht gesenkt, mit schmalem Kamelhaarpinsel die Leuchtfarbe auftragen. Die Farbe mischen sie selbst aus einem wässrigen Leim und einem gelben Pulver. Ein von den Vorarbeitern empfohlener Trick, das Zuspitzen des Pinsels mit den Lippen, hilft dabei, einen feinen Farbstrich hinzulegen. Fünf-, sechsmal müssen die Pinsel »gespitzt« werden, um ein Zifferblatt zu bemalen. Die Farbe schmeckt nach Leim. Die anderen Substanzen, Radium, Zinksulfid und Wasser, sind geruchs- und geschmackslos. Bezahlt werden die Arbeiterinnen im Akkordlohn; acht Cents pro Uhr entlohnt die Waterbury Clock Company. Die Besten schaffen 300 Uhren oder rund 2000 Pinselstriche pro Arbeitstag. Sie verdienen damit in einer Fünfzig-Stunden-Woche etwa das Doppelte eines durchschnittlichen Arbeiterinnenlohnes. In der Nacht leuchten ihre Lippen und Münder, bei manchen ist es der ganze Körper. Zum Spaß malen sie in der Pause die Leuchtfarbe als Accessoire auf Zähne, Finger- und Zehennägel oder die Druckknöpfe ihrer Kleider, manche auch an intimere Stellen, um ihre Liebhaber zu überraschen. »Wir hatten ein gutes Leben, verdienten gutes Geld, nach Feierabend ging ich mit meiner besten Arbeitskollegin in die Stadt. Die Jungs standen auf uns, unsere Boyfriends waren Cousins«, erinnert sich Marie Rossiter 1987 im Dokumentarfilm »Radium City« an ihre Zeit als Zifferblattmalerin bei US Radium. 1927 war ihre lebensfrohe Freundin tot, gestorben an den Folgen hoher Strahlendosen in ihrem Körper. Den Zifferblattmalerinnen war von den Verantwortlichen stets versichert worden, sie hätten nichts zu befürchten, und es seien auch keinerlei Arbeitsschutzmaßnahmen nötig – obwohl sich diese bei der Arbeit im Labor mit Bleiwesten und Gesichtsmasken schützen, und schon damals allgemein bekannt war, welche Gefahren Radium in sich birgt, wenn es in den Körper gelangt. Die Anweisung, die Pinsel mit den Lippen zu spitzen, kam für nachweislich 105 der nach heutigen Schätzungen rund 4000 Arbeiterinnen in den Industrien, die in den frühen 1920er-Jahren mit Leuchtfarben arbeiteten, einem Todesurteil gleich. Wahrscheinlich waren es noch weit mehr.


Todgeweihte kämpfen um Entschädigung
Ob Francis Splettstocher, die mit ihren sechs Geschwistern bei ihren Eltern lebt, zu den Besten ihres Fachs zählte, ist nicht überliefert. Ihr Schicksal lässt es annehmen. 1925 erkrankt sie an Anämie, einer durch Eisenmangel bedingten Blutarmut. Sie fühlt sich chronisch schwach. Ihre linke Gesichtshälfte wird immer berührungsempfindlicher, Hals und Rachen schmerzen. Als akute Zahn- und Kieferschmerzen dazukommen, sucht sie einen Zahnarzt auf. Beim Versuch, ihr einen Zahn zu ziehen, bricht ein Teil des Kieferknochens weg. Niemand hat eine Erklärung. In ihrer linken Wange bildet sich ein Loch, das Gewebe beginnt sich aufzulösen. Nach vier Wochen qualvollen Leidens stirbt Francis Splettstocher 21-jährig. »Sie hatte einen großen Freundeskreis, der in tiefer Trauer steht«, heißt es im Nachruf, der am 22. Februar 1925 im Waterbury Republican erscheint. Die Todesursache ist ein Rätsel für die Ärzte. Ihr Vater, der auch in der Uhrenfabrik arbeitet, weiß es besser: Es sei das Radium, erklärt er, aber er werde den Mund halten, denn er wolle seinen Job nicht verlieren. Ob er von den vier jungen Frauen gehört hatte, die 150 Kilometer entfernt in Orange, New Jersey, in der Fabrik von US Radium gearbeitet hatten und eines ähnlich schrecklichen Todes gestorben waren? Weitere acht waren schwer krank. Ein Zahnarzt war der Sache nachgegangen und hatte festgestellt, dass alle betroffenen Frauen dort arbeiteten oder gearbeitet hatten. Die Firmenverantwortlichen wussten, weshalb die Frauen krank waren. Ein Gutachten, das sie in Auftrag gegeben hatte, ließ nur einen Schluss zu. Die katastrophalen Blutwerte der meisten Beschäftigten und Symptome schwerer Knochenschädigungen wurden von Undark verursacht. Die Studie wurde nur stark verwässert in ei- nem Fachjournal veröffentlicht.

1927 verklagen die schwer kranke Grace Fryer und vier Mitstreiterinnen US Radium. Fryer hatte in den Jahren 1917 bis 1920 Zifferblätter bemalt. Kurz darauf erkrankt sie. Sie wird von Arzt zu Arzt weitergereicht, niemand kann ihr helfen. 1925 versichert ihr ein Arzt, sie sei vollkommen gesund. Er ist von US Radium bestochen. Die fünf Frauen verlangen von der Firma eine Entschädigung von 250000 Dollar und die Übernahme der Behandlungskosten. Unterstützung erhalten sie vom amerikanischen Konsumentenforum. Das Verfahren zieht sich in die Länge und wird zum Wettlauf mit dem Tod der Klägerinnen, deren Zustand sich laufend verschlechtert. Am ersten Verhandlungstag, dem 11. Januar 1928, können nur drei der Klägerinnen teilnehmen. Grace Fryer hat alle Zähne verloren, sie kann nur dank einer Rückenstütze aufrecht sitzen. Keine der Frauen ist in der Lage, die Hand zum Schwur zu erheben. Sie betonen, sie seien vollkommen gesund gewesen, bevor sie mit der Arbeit bei US Radium begonnen hätten. Heute könnten sie ohne Hilfe weder essen, trinken noch ein Bad nehmen. Die Anwälte der Gegenpartei behaupten, die Frauen litten an psychischen Problemen: Hysterie, Willensschwäche und die Unfähigkeit, der Realität ins Auge zu blicken. »Radium regt wegen seiner mysteriös erscheinenden Eigenschaften die Fantasie an, und nur darum geht es in diesem Fall«, erklärt ein Sprecher der Firma gegenüber der New York Times. Aus Frankreich äußert sich Marie Curie in einem Interview: »Ich wünschte, ich könnte helfen. Aber es gibt leider keinen Zweifel: Ist Radium einmal in den Körper gelangt, gibt es keinerlei Möglichkeit, es zu zerstören oder zu entfernen.« Curie wusste, wovon sie sprach. Sie starb 1934 an den Folgen ihrer Arbeit mit Radium und anderen radioaktiven Substanzen. Ihre Notizbücher und die Laborausrüstung strahlen bis heute und müssen in Bleikästen aufbewahrt werden. Im Rechtsstreit kommt es 1929 zu einem Vergleich ohne ein Schuldeingeständnis von US Radium. Die fünf Frauen erhalten je 10 000 Dollar und eine lebenslange Jahresrente von 600 Dollar. Die vom Tode gezeichneten Frauen hatten lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Der vermittelnde Richter ist selbst Aktionär von US Radium. Grace Fryer stirbt am 27. Oktober 1933 im Alter von 35 Jahren. 1935 sind alle Klägerinnen tot. An ihren Gräbern ist die Strahlung bis heute messbar. Auch die Waterbury Clock Company gibt nie zu, dass der Tod von Francis Splettstocher etwas mit ihrer Arbeit als Zifferblattmalerin zu tun hatte. Doch noch im selben Jahr wird, wie in den Fabriken von US Radium, das Spitzen der Pinsel mit den Lippen untersagt, und erkrankte Arbeiterinnen erhalten medizinische und finanzielle Unterstützung. Zwei weitere beschäftigte Frauen sterben 1927. In den Ateliers der Zifferblattmalerinnen werden Luftreinigungsanlagen installiert, die Angestellten tragen Gummihandschuhe, die Haare werden in Netze zusammengebunden.


Strahlenopfer als Dosimeter
Ab 2. Mai 1941 gilt in den Vereinigten Staaten ein Grenzwert von 0,1 Microcurie für die maximal zulässige Belastung von Zifferblattmalerinnen und -malern. Die wissenschaftliche Basis für diesen Grenzwert liefern die Messungen an 27 ehemaligen Radium Girls und an den exhumierten Leichen der an der Strahlungskrankheit gestorbenen Frauen. Alleine um die vom Körper aufgenommenen Dosen zu ermitteln, sind jahrelange Forschungsarbeiten notwendig. Die ermittelte Strahlendosis wird in Bezug gesetzt zum Gesundheitszustand und dem Zeitraum, in dem die Person der Strahlung ausgesetzt war. Die Toten hatten dabei extrem hohe Dosen absorbiert, auch einige der noch lebenden Frauen zeigten Krankheitssymptome, die auf Radium zurückzuführen waren. Als gesund galten jene Probandinnen, die Radiummengen unter einem Mikrogramm aufgenommen hatten. Dieser Wert wurde noch um den Faktor zehn reduziert, um eine Sicherheitsmarge zu erhalten, die allfällige Ungenauigkeiten ausgleichen sollte. Die maximal zulässigen 0,1 Mikrogramm Radium (oder 0,1 Microcurie) entsprechen nach heutiger Lesart etwa einer Dosis von 250 Millisievert. Wer in einem Atomkraftwerk arbeitet, darf maximal 20 Millisievert pro Jahr aufnehmen, die gesamte Dosis darf über die Jahre 400 Millisievert nicht überschreiten.
Wie viele Radium Girls tatsächlich an den Folgen des Radiums in ihren Körpern gestorben sind, lässt sich kaum mehr ermitteln, obwohl sie noch während Jahrzehnten Gegenstand intensiver Forschung waren. Das Argonne National Laboratory begleitete nach 1968 über 2400 der Verstrahlten durch ihr Leben und untersuchte sie regelmäßig mit Röntgenapparaten und Blutproben, um die langfristigen Folgen zu untersuchen. Die Ergebnisse: Die Sterblichkeit der Radium Girls war deutlich höher, als natürlicherweise zu erwarten gewesen wäre. Doch zu einer umfassenden Auswertung kommt es nie. Das Forschungsprogramm wurde 1993 eingestellt.
Die meisten Fabriken, in denen sie gearbeitet hatten, sind abgerissen. Die Gelände, unter ihnen auch eine auf den Produktionsabfällen von US Radium gebaute Wohnsiedlung, wurden um die Jahrtausendwende auf Staatskosten dekontaminiert. Die Gebäude der Waterbury Clock Company stehen noch. Die Räume wurden 2002 von den noch immer vorhandenen Spuren der einstigen
»Quelle ewiger Jugend« befreit. Im Werksmuseum der Nachfolgefirma Timex bleiben Frances Splettstocher und Kolleginnen unerwähnt. Ihre Geschichte ist die Geschichte missbrauchter Unschuld. Die Leuchtziffern der Radium-Uhren sind längst erloschen, weil das Zinksulfid schon nach einigen Jahren nicht mehr auf die Bestrahlung reagiert. Doch das Radium strahlt noch immer – bei einer Halbwertszeit von 1600 Jahren noch über viele Jahrtausende. Uhrmacher lassen deshalb die Hände davon, oder sie arbeiten nur mit Schutzausrüstung. Denn nach 100 Jahren sind noch 96 Prozent der Strahlungsenergie vorhanden. Manche Uhren aus der Epoche erreichen Dosiswerte, die weit über der heute zulässigen Jahresdosis von einem Millisievert liegen. Auch wenn diese Strahlung weitestgehend vom Gehäuse absorbiert wird, dürfen diese Dosen nicht unterschätzt werden. Wer in der Schweiz eine alte Uhr mit Leuchtziffern über den Hauskehricht entsorgt, macht sich denn auch strafbar. Auch Sondermüllstellen nehmen diese Uhren nicht an. Sie müssen in gesonderten Sammlungen kostenpflichtig entsorgt werden.
Radium-226 wird in der Uhrenindustrie seit gut einem halben Jahrhundert nicht mehr verwendet. Heute kommt es vor allem in Forschung und Unterricht noch zum Einsatz. An seiner Gefährlichkeit hat das nichts geändert. Im Oktober 2011, sieben Monate nach dem Super-GAU von Fukushima, wird in Tokio Strahlenalarm ausgelöst. Der gemessene Wert liegt nur knapp unterhalb der Evakuierungs- schwelle. Als Quelle entpuppen sich schließlich einige am Straßenrand deponierte leere Flaschen aus einem Labor: Sie enthalten Radium-226, das zu Forschungszwecken verwendet worden war. In der Stadt Biel macht im Juni 2014 radioaktiv strahlender Aushub von einer Autobahnbaustelle am Stadtrand Schlagzeilen. Es handelt sich um Radium-226-haltige Produktionsabfälle der Uhrenindustrie: Leuchtfarbe. Messungen an den ausgegrabenen Farbbehältern ergeben extrem gesundheitsschädliche Werte von mehreren hundert Mikrosievert pro Stunde. Die Behörden relati- vieren. An der Erdoberfläche käme nur ein Bruchteil dieser Strahlung an. Ein Mensch müsste nach Berechnungen des Bundesamtes für Gesundheit 1100 Stunden pro Jahr auf einer Parkbank über der Deponie sitzen, um eine Strahlung aufzunehmen, die der Höhe des Grenzwertes entspricht. Die Verwendung der radioaktiven Leuchtfarben war 1963 als bewilligungspflichtig erklärt worden und wurde wegen Importverboten in verschiedenen Ländern um 1965 von der Uhrenindustrie ganz aufgegeben. Während die 114 damals überwachten Ateliers dekontaminiert wurden, kümmerte sich niemand um die bis in die 1950er-Jahre weit verbreiteten Heimarbeitsplätze. Erst die Entdeckung des dekontaminierten Bauaushubs, dessen Herkunft unbekannt bleibt, brachte die Behörden ein halbes Jahrhundert später auf Trab. Das Bundesamt für Gesundheit verspricht im Juni 2014, sich nach Finanzierungsquellen umzusehen, um das Versäumte nachzuholen. In welchem Ausmaß die Schweizer Radium Girls gesundheitliche Schäden erlitten haben, ist unbekannt. Sie sind nie Gegenstand umfassender Untersuchungen gewesen.



zum Weiterlesen:

Wolfgang Weiss, Physiker, UNSCEAR, Deutschland: "Jede Strahlung kann Krebs auslösen."

Ludwig E. Feinendegen, Strahlenmediziner, Lindau, Deutschland: "Niedrige Strahlung stimuliert körpereigene Abwehr."

 

Radium Girls

  • Radium Girls: Eine Videocollage der the Designerin Rose Todaro www.rosetodaro.com

Linear-No-Treshold-Model (LNT)

  • Das Linear-No-Threshold-Modell

    Aufgrund der im Labor bestätigten Erkenntnis, dass es grundsätzlich keine noch so niedrige Strahlendosis gibt, die als unschädlich bezeichnet werden kann, geht man davon aus, dass es, mit null beginnend, einen linearen Zusammenhang zwischen Strahlendosis und Krebsrisiko gibt: Je höher die Dosis, desto höher das Risiko. Die heute geltenden Grenzwerte fußen auf dem LNT-Modell.

Alpha-, Beta- und Gammastrahlung

  • Alpha-, Beta- und Gammastrahlung

    Alphastrahlung
    Alphastrahlung ist eine ionisierende Strahlung. Die Reichweite beträgt in der Luft nur zehn Zentimeter, schon ein Blatt Papier reicht als Abschirmung. Gelangen Radionuklide , die Alphastrahlung emittieren (d. h. in die Luft ablassen), etwa durch Nahrung oder die Atemwege in den Körper, sind sie ungleich gefährlicher. Typische Alphastrahler sind Uran und Thorium sowie deren Zerfallsprodukte Radium und Radon. Ein Beispiel ist Radium-226 .

    Betastrahlung
    Betastrahlung ist eine Teilchen-Strahlung mittlerer Intensität. Die Reichweite beträgt je nach Radionuklid in der Luft bis zu acht Metern, zur Abschirmung genügen in der Regel einige Millimeter Aluminiumblech oder Beton. Typische Betastrahler sind Iod-131 und Strontium-90, die beide bei atomaren Unfällen freigesetzt werden. Betastrahlung kann die Haut durchdringen. Im Körper reichert sich Iod-131 in der Schilddrüse an, Strontium-90 wird in die Knochen eingebaut. Beides kann zu schweren Krebserkrankungen führen.

    Gammastrahlung
    Gammastrahlung ist eine dem sichtbaren oder ultravioletten Licht vergleichbare, aber wesentlich energiereichere elektromagnetische Strahlung. Sie entsteht etwa nach einem Alpha- oder Betazerfall eines Teilchens, wenn noch ein Überschuss an Energie vorhanden ist. Die Reichweite von Gammastrahlung beträgt in der Luft mehrere hundert Meter. Sie durchdringt auch den menschlichen Körper. Zur Abschirmung ist dicker Beton oder Wasser nötig.