Pleitegeier über Westinghouse

Milliardengrab: Der Neubau des AKW Vogtle im us-amerikanischen Bundesstaat Georgia Milliardengrab: Der Neubau des AKW Vogtle im us-amerikanischen Bundesstaat Georgia

Das Kernkraftwerkgeschäft wird immer unprofitabler. Nun hat der japanische Toshiba-Konzern seiner Kraftwerkstochter Westinghouse den Stecker gezogen. Die Verluste gehen in die Milliarden. Doch es muss irgendwie weitergehen: Westinghouse-Technik steckt in über 400 Atomkraftwerken weltweit. Staatshilfen sind keineswegs ausgeschlossen. Es geht um die Sicherheit der Welt.

Der Energie- und Atompolitikberater Mycle Schneider warnt schon lange vor einer gefährliche finanziellen Schieflage der Atomindustrie. Jenseits aller technischen Diskussionen lauert seiner Meinung nach auch dort grosse Gefahr, wo aus Spargründen an Ersatzteilen für Kernkraftwerke gespart wird. Dabei hatte der Träger des alternativen Nobelpreises die französischen Kernkraftwerke und die Betreiberfirmen EDF und AREVA im Blick. An beiden Unternehmen hält der französische Staat zwar die Mehrheit, doch ihre Geschäftstätigkeit ist längst ein Alptraum geworden. Beide AREVA-Neubauten, im finnischen Olkiluoto und französischen Flamanville sind noch nicht fertiggestellt. Die Baukosten der AKW's der dritten Generation mit dem Kernreaktor-Typ EPR, einem AKW mit Druckwasserreaktor, haben sich mindestens verdreifacht. Schwerwiegende Konstruktionsfehler in Flamanville könnten längerfristig gar dessen Aus bedeuten.

AKW-Pionier ist pleite
Versagen à la française? Im März 2017 ging der AKW-Pionier Westinghouse Konkurs. Der US-Konzern entwickelte in den 1950-er Jahren erstmals ein Kernkraftwerk mit einem Druckwasserreaktor. Von Anfang an war es eine Kooperation mit der Armee. Denn diese entwickelte für den Bau von Atombomben einen grossen Hunger nach angereichertem Uran. Bereits vor mehr als 20 Jahren begann sich Westinghouse vom schwierigen Kernkraftwerksgeschäft zurückzuziehen, baute auch immer weniger konventionelle Kraftwerke. Die nukleare Sparte ging 1998 an die British Nuclear Fuels und wurde in Westinghouse Electric Company umbenannt. 2006 übernahm Toshiba Westinghouse, und es waren die Japaner, die nun den Konkurs mit Gläubigerschutz anmeldeten. Denn in irgendeiner Form muss Westinghouse weiterarbeiten. Dabei geht es nicht nur um die 12'000 Arbeitsplätze im Nuklearsektor, sondern auch um Sicherheit - und zwar weltweit. In über 400 Kernkraftwerken ist Westinghouse -Technik eingebaut und sorgen Westinghouse-Brennelemente für die erwünschte Energie. Es sind Westinghouse Teams, die regelmässig Revisionen durchführen. Ähnlich wie in Frankreich standen am Anfang des Fiaskos Neubauten. Wie bei AREVA liefen auch bei Westinghouse während eines Neubaus von vier Reaktoren in Georgia und South Carolina im Südosten der USA die Kosten aus dem Ruder. Das sich anbahnende Defizit bei den halbfertigen Reaktoren übersteigt bereits sechs Milliarden Dollar und könnte laut Analysten die Existenz von Toshiba selber gefährden. Dass dies nicht übertrieben ist, bestätigt die Absicht, die rentable Chipsparte zu verkaufen, um mit den erwarteten sechs Milliarden Dollar finanziell wieder auf die Beine zu kommen.

Staat muss einspringen
Der Fall Westinghouse ist wegen seiner internationalen Konsequenzen auch zum Regierungsthema in Washington geworden. Gerüchten nach könnte Westinghouse bald vom koreanischen Kernkraftwerkbauer Kepco übernommen werden. Doch auch die amerikanischen Steuerzahler könnten zur Kasse gebeten werden. Die Regierung hat eine Bürgschaft in der Höhe von über acht Milliarden Dollar übernommen. Mit dem Bankrott nach Kapitel 11 wird sich der Bau der ersten neuen Kernkraftwerke nach über 40 Jahren weiter verzögern und den Appetit auf ähnliche Projekte wohl bis auf weiteres rauben. Diese Entwicklung lässt eine erträumte Renaissance der Kernenergie immer unwahrscheinlicher erscheinen, zumindest was deren Finanzierbarkeit betrifft. Dennoch müssen bestehende Kernkraftwerke ordentlich gewartet werden. Dabei spielt Westinghouse mit seinen Ersatzteilen und dem Knowhow eine Schlüsselrolle. Ist das kein Problem für die Kernkraftwerkbetreiber, etwa in der Schweiz, wo in den Kernkraftwerken Westinghouse ebenfalls zum Zuge kam? Rainer Meier, Leiter der Corporate Communications bei AXPO in der Schweiz sagt: "Es ist vorstellbar, dass die rentablen Teile von Westinghouse überleben, und dass der Unterhalt dazugehört." Der Energiedienstleistungskonzern ist an vier der fünf Kernkraftwerke beteiligt und deshalb auch für die Sicherheit in den eigenen Kernkraftwerken verantwortlich. Dabei ist Westinghouse nicht die einzige Firma, auf die Axpo bei Wartungen zurückgreift. AREVA, Intercontrole und andere Firmen, die über die entsprechenden Zertifikate verfügen, erbringen ebenfalls solche Dienstleistungen.

"Kein Grund zur Sorge"
Sebastian Hueber, Leiter der Sektion Kommunikation beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI, gibt sich nach dem Westinghouse-Bankrott gelassen. "Wir sehen derzeit keinen Anlass und haben bisher auch keine Rückmeldungen der Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke erhalten, dass die Leistungen von Westinghouse für die Schweizer Anlagen in Frage zu stellen sind." Hueber betont, dass technische Änderungen an der Anlage freigabepflichtig sind und dem ENSI vorgelegt werden müssen. Ausserdem benötigt ein Kernkraftwerk nach einer Revision vom ENSI die Freigabe zum Wiederanfahren. "Die gesetzlichen Anforderungen sind zu erfüllen. Die Bauteile und Komponenten, die der Betreiber für seine Anlage verwendet, müssen unabhängig vom Hersteller die Anforderungen für Nuklearanlagen erfüllen und entsprechend zertifiziert sein. Die Kernkraftwerke in der Schweiz wurden seit ihrem Bau laufend nachgerüstet und modernisiert. Sicherheit und Leistung wurden ständig erhöht."

Links:

https://www.nzz.ch/wirtschaft/medienbericht-zu-industriekonzern-toshiba-hat-insolvenz-von-akw-tochter-zugestimmt-ld.154119

 
 

 

 

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