Terrorgefahr auf Atomkraftwerke

Das AKW Fessenheim mit Banner von Greenpeace France. Aktion von 2014 zur Abschaltung wegen der Terrorgefahr. Das AKW Fessenheim mit Banner von Greenpeace France. Aktion von 2014 zur Abschaltung wegen der Terrorgefahr.

Terroristische Angriffe auf Atomkraftwerke sind eine ernstzunehmende Gefahr. Auf Nachfrage geben die verantwortlichen Behörden jedoch ungern Auskunft, denn sie wollen keine schlafenden Hunde wecken. Im Namen der nationalen Sicherheit wird die Sicherheitslage von Atomanlagen in Europa geheim gehalten. Mensch & Atom klärt in einer vierteiligen Serie über die Hintergründe auf. 1. Teil: Gefahrenpotential und Sicherheitsrisiken

Seit dem elften September 2001 ist die Gefahr eines willentlich herbeigeführten Flugzeugabsturzes auf die Twin Towers in unseren Köpfen präsent. Auch ein Angriff mit panzerbrechenden Waffen auf ein Reaktorgebäude oder ein angrenzendes Lagerbecken ist keine abwegige Vorstellung. Einfache Hobbydrohnen, millionenfach verkauft, können mit Sprengstoff beladen zu Waffenträgern umgebaut und auf ein AKW gesteuert werden. Wie sicher also sind europäische Atomkraftanlagen und welche Maßnahmen für mehr Sicherheit müssen getroffen werden? 

 

Potenzielle Zielscheiben

Es gibt seit langem handfeste Belege für geplante Angriffe auf Atomkraftanlagen. „In den Rechercheunterlagen der Attentäter von 9/11 wurden Hinweise gefunden, dass zwei Nuklearanlagen neben den Türmen und dem Pentagon ursprüngliche Angriffsziele waren“, erzählt Jochen Stay von „Ausgestrahlt“, der Hamburger Anti-Atom-Organisation. „Bei der Terrorfahndung in Belgien hat man herausgefunden, dass eine Person aus der islamistischen Szene in Brüssel lange Zeit in einem AKW gearbeitet hat.“ Es gebe Anzeichen, dass Atomanlagen im Visier von terroristischen Gruppen sind, bestätigt Heinz Smital, Kernphysiker und Anti-Atom-Kampaigner bei Greenpeace. Grundsätzlich müsse man davon ausgehen, dass solche Anschläge stattfinden könnten, so Smital. „Es entspricht der inneren Logik des Terrorismus, das Gefahrenpotential von technischen Einrichtungen zu nutzen. Insofern sind Atomkraftwerke attraktive Terrorziele.“ Denn es sei möglich, dass große Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden. Man müsse davon ausgehen, dass terroristische Vereinigungen über hohe militärische Fähigkeiten und das nötige Wissen verfügen, erklärt Smital. Immerhin habe der IS über Saddam Husseins Geheimdienst militärische Kenntnisse erworben. Wie bei allen Terroranschlägen handle es sich um „ein klassisches Problem der Risikoeinschätzung“: Die Wahrscheinlichkeit sei gering, aber die Auswirkung im schlimmsten Fall sehr groß, so Stay von Ausgestrahlt. 

 

Zugriff auf AKW möglich 

Ein mögliches Bedrohungsszenario beschrieb der inzwischen verstorbene Klaus Traube, ehemaliger Sprecher des BUND. „Ein Mitarbeiter mit terroristischen Absichten könnte von der Kommandozentrale aus eine Kernschmelze auslösen.“ Die Bedrohung von außen, mit einer Panzerfaust oder einer Sprenghaftladung sei signifikant. „Damit könnten sie das Reaktorgebäude selbst beschädigen, aber auch sonstige notwendige Anlagenteile außerhalb des Reaktorgebäudes. Schließlich sind nicht alle wichtigen Systeme im Reaktorgebäude geschützt. Wichtige Kühlleitungen für das Notkühlsystem etwa befinden sich auch außerhalb des Reaktorgebäudes.“. Auch die Reaktorhülle halte, laut Traube, einer panzerbrechenden Waffe nicht stand. „Das muss aber nicht zwingend zu einer Kernschmelze führen. Allerdings könnten zuvor einige Hilfssysteme sabotiert worden sein“. Das Kühlwassersystem kommt in der Nasslagerung abgebrannter Brennelemente, sowie im Reaktor selbst zum Einsatz. „Wenn die Brennelemente nicht vom Kühlwasser konstant gehalten sind, erhitzen sie sich auf bis zu 800 Grad Celsius. Sie entzünden sich selbst und ein wesentlicher Teil des Lagerbeckens könnte freigesetzt werden“, so Traube. 

 

Gebäudeschutz unzureichend

Das Nasslagerbecken in La Hague, der französischen Wiederaufbereitungsanlage, ist ein Extrembeispiel. Dort werden jedes Jahr über 1000 Tonnen hochradioaktives Material verarbeitet und gelagert, wie ARTE in der Reportage „Terror: Atomkraftwerke im Visier“ berichtet. Ein ehemaliger Mitarbeiter von La Hague erzählt im Interview mit ARTE, dass die Decke der Lagerbecken aus einfachem Wellblech besteht. Die simple Metallverkleidung könne man auch in einer Autowerkstatt finden. Beim Bau sei die potentielle Terrorgefahr nicht berücksichtigt worden, erklärte der Rentner. Er nennt diesen Zustand einen „Skandal der Atomindustrie“. Greenpeace Frankreich organisierte bereits mehrfach Einbrüche in La Hague, um darauf aufmerksam zu machen, wie angreifbar die Wiederaufbereitungsanlage ist. Mit wenig Aufwand schaffte es die Umweltschutzgruppe hinter den Zaun der Anlage. Greenpeace sieht darin den Beweis für unzureichenden Schutz. 

 

Hobbydrohnen können mit Sprengstoff belanden zu Waffenträgern werden.
Hobbydrohnen können mit Sprengstoff belanden zu Waffenträgern werden.

Hobbydrohnen als Waffenträger

Angriffe durch ferngesteuerte unbemannte Fluggeräte stellen eine noch realistischere Gefahr dar. Es gab bereits Drohnenüberflüge in Frankreich: 2014 flogen nachts und in den frühen Morgenstunden mehrere Drohnen über sieben Atomkraftwerke, vermutlich um Informationen über deren Beschaffenheit zu sammeln. Die französischen Betreiber versicherten, dass von diesen Überflügen keine Gefahr ausging.

Bausätze für einfache Hobbydrohnen, millionenfach verkauft, können im Internet bestellt und selbst zusammengebaut werden. Sie sind mit einer Kamera versehen und sind dank den Koordinaten von Google Maps zielgenau steuerbar. Je nach Tragfähigkeit ist es möglich, dass Drohnen - mit Sprengstoff beladen - zu Waffenträgern werden. Mit geringen technischen Kenntnissen ist es also möglich, eine oder mehrere auf das Dach eines Lagerbeckens zu steuern. Ruth Williams, Sprecherin des Branchenverbands der Schweizer Kernkraftwerksbetreiber bestätigt, dass es „natürlich zu Gebäude- und Personenschäden kommen“ könne. Für die Trockenlagerung in Behältern sieht sie jedoch keine Gefahr. Schweizer Transport- und Lagerbehälter sind „vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat speziell lizenziert, äußerst solide gebaut, aus dickem Stahl, bis zu 150 Tonnen schwer und luftdicht, selbst unter sehr hohem Druck.“ Sie seien so robust gebaut, dass sie auch extremen Bedingungen standhalten, wie zum Beispiel dem Beschuss mit schwerem Geschütz, meint sie. Heinz Smital von Greenpeace sieht in den besser unter dem Namen Castor bekannten Behältern einen „Schutz durch gewisse Robustheit. Dennoch können panzerbrechende Waffen sie durchdringen.“ In jedem Fall sei die Trockenlagerung sicherer und in den Folgen eines Angriffs weniger anfällig als die Lagerung im Kühlwasser.

Links:

Jochen Stay, Umweltaktivist und Sprecher der Anti-Atom-Organisation .Ausgestrahlt in Hamburg

Heinz Smital, Kernphysiker und Kampaigner bei Greenpeace Deutschland

Ruth Williams, Sprecherin des Branchenverbands der Schweizer Kernkraftwerkbetreiber Swissnuclear

TAZ- Interview von Matthias Urbach mit Klaus Traube, ehem. energiepolitischer Sprecher des BUND, inzwischen verstorben

ARTE Reportage (war nur verfügbar bis 03.02.18) Terror: „Atomkraftwerke im Visier“

 

Lesen Sie im 2. Teil unserer Serie: Sicherheitstests und mögliche Folgen eines geplanten Flugzeugabsturzes auf ein AKW: Große Masse, hohe Geschwindigkeit, viel Kerosin

Teil 3: Sicherheitsmaßnahmen gegen Terror auf AKW

Teil 4: Cyberterrorismus auf Atomkraftwerke

 

 

 

News aus aller Welt

Katanga Business

  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.