Der Anfang vom Ende - Kernkraftwerk Mühleberg geht vom Netz

Die Abschaltung des Atomkraftwerkes Mühleberg ist der Schweiz der erste Schritt zum Ausstieg aus der Kernenergie. Doch der Weg ist noch lang. Die anderen völlig veralteten Atomkraftwerke bleiben noch lange am Netz. Und die Frage einer Endlagerung wird noch viele Generationen beschäftigen.

Alos dieser Opel gebaut wurde, stand auch das Kernkraftwerk Beznau vor der Fertigstellung. Wer hält ein solches Auto für zeitgemäss? Bild: Martin Arnold

Es git e Knall es git e Rauch was söll das Gschrei
S isch jo glaub i numme im Reaggder drei
Mr hän alles im Griff Uff em singgende Schiff
Mr hän alles im Griff
Uff em giftige Riff
Die Zeilen des Basler Liedermachers Aernscht Born aus dem Lied „Fukushima-Swing“ spiegeln eindrücklich die Sorglosigkeit, mit der Verantwortliche mit der Kernenergie umgehen. Auf Hochdeutsch übersetzt heissen sie etwa: Es gibt einen Knall, es gibt Rauch, was soll das Geschrei/es ist, glaube ich, nur in Reaktor 3/wir haben alles im Griff auf dem sinkenden Schiff/ wir haben alles im Griff/ auf dem giftigen Riff. An der etwas fatalen Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. Denn die ältesten, noch in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke weltweit, stehen in der Schweiz. „Natürlich bin ich erleichtert, dass Mühleberg nun vom Netz geht“, erklärt der WWF-Energieexperte Patrick Hofstetter. „Doch die langen Betriebslaufzeiten für die anderen Kernkraftwerke sind mehr als nur ein Wehmutstropfen. Material altert mit jedem weiteren Betriebsjahr steigt das Risiko eines grossen Unfalls. Ausserdem verhindert das Verlängern der Laufzeiten ein entschlossenes Umsteigen auf erneuerbare Energiequellen.“ Noch liefern die Kernkraftwerke günstigen Strom, weil sie im Betreib sind. Doch neue Kernkraftwerke sind mit ihrer langen Bauzeit und den aus dem Ruder laufenden Baukosten nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber Wind- und Solarenergie. Deshalb wird ein Stück Technikgeschichte zu Ende gehen, das von Anfang an unter einem schlechten Stern stand. Die Verwüstungen von Hiroshima und Nagasaki können nicht aus der Welt geschafft werden. Genauso wenig wie die vielen Unfälle und Tote bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Auch die Schweiz hat damit ihre Erfahrung. 1969 versage das Kühlsystem des experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt. Es kam zu einer partiellen Kernschmelze. „Nordwestschweizer Aktionskomitee gegen Atomkraftwerke“ hiess die erste Gruppe, die sich gegen die Nutzung der Atomenergie richtete. Die „Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst“ organisierte 1973 die Besetzung des Baugeländes und einen jahrlangen Widerstandskampf. Im Laufe der Zeit entstanden weitere atomkritische Gruppen, sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene. 1979 und 1984 sagte das Stimmvolk nur knapp nein zu zwei Antiatom-Initiativen. Der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 führte 1990 zur Annahme der Moratoriumsinitiative, die für zehn Jahre den Bau und die Planung weiterer Atomkraftwerke verhinderte. Tschernobyl war auch der Anfang vom Ende für Kaiseraugst. Der Fehlschlag kostete die Steuerzahler 350 Millionen Franken. 

Atomkraftwerke weltweit unter Druck


Eine ganze Kaskade von Initiativen und Vorstösse belegt seither, dass die Schweizer der Atomenergie kritisch gegenüber stehen. Aernscht Born gehörte dem Widerstand gegen Kaiseraugst an. Politisch interessiert war er schon vorher. „Doch in Kaiseraugst ging es nicht nur um eine gefährliche Technologie, sondern auch um den Umgang der politisch Mächtigen, die für die Atomkraft bereit waren, demokratische Rechte zu opfern.“ Die Gefährlichkeit dieser Energieform und die Möglichkeit von Terroristen zwingen zu immer neuen Sicherheitsauflagen. Die Kernkraftwerke müssen den neusten Stand der Technik erfüllen, die Produktionskosten verteuern sich, während die Preisentwicklung bei neuen erneuerbaren Energien in die umgekehrte Richtung geht. 2011 beschloss der Bundesrat den Ausstieg aus der Kernenergie. Seither dreht sich die Atompolitik um Fragen der Laufzeit der noch bestehenden Kernkraftwerke und der Endlagerung. Es sind Fragen der Begräbnisorganisierung, auch wenn vereinzelt die Wiedergeburt der Kernenergie erträumt wird. Die findet höchstens in China statt und ist auf den Nachholbedarf dort zurückzuführen. Ausserhalb von China ging 2017 die produzierte Atomkraft das dritte Mal hintereinander zurück. 2017 wurden 157 GW an erneuerbare Energieproduktionsmöglichkeiten installiert. Zum Vergleich: Die Zunahme für Kernenergie betrug 3,3 GW.

Die Rückbauproblematik bei Kernkraftwerken betrifft nicht nur verstrahlte Bauteile. Auch viel Asbest wurde verbaut. Bild: Martin Arnold.


Spezialfirmen werden engagiert


Auch wenn in Finnland und Frankreich irgendwann zwei neue Kernkraftwerke in Betrieb gehen, ist der Trend in Europa eindeutig. Er geht in Richtung Abschaltung. Auch in der Schweiz. Den Anfang macht Mühleberg. Das Bedauern über das Ende des Kernkraftwerks macht einer gewissen Aufbruchsstimmung Platz. Die Entscheidung ist gefallen, ab 6. Januar 2020 beginnen die Rückbauarbeiten. Sie werden 2031 enden. In der Anfangsphase werden in Mühleberg mit den zusätzlichen Spezialisten mehr als die üblichen 300 Leute arbeiten. Dagegen werden es vor allem nach der Herausnahme und dem Abtransport der hoch radioaktiven Teile ab 2024 weniger Menschen sein. Bevor es soweit ist, wird das Kernkraftwerk in einen für den Rückbau sicheren Zustand überführt. Stefan Klute, Gesamtprojektleiter Stilllegung, erklärt am BKW-Hauptsitz: „Dafür werden die Brennelemente aus dem Reaktor entnommen und in das Abklingbecken gebracht. Nach rund neun Monaten betreiben wir das Abklingbecken unabhängig und völlig autark. Es wird von den anderen Sektoren getrennt, wo der Rückbau stattfindet.“


Eine spannende Aufgabe


Im September 2020 beginnen die Demontagearbeiten im Reaktorgebäude. Je näher Material am Reaktorkern und somit den Brennelementen lag, desto grösser ist die Strahlung. Im Maschinenhaus, das über die Dampfleitung mit dem Reaktorgebäude verbunden ist, gibt es nur eine sehr geringe Strahlenbelastung. „Deshalb können wir dort bereits im Januar 2020 mit dem Rückbau beginnen“, erklärt Klute. Danach wird das Maschinenhaus für die Reinigung der leicht kontaminierten Bauteile genutzt. Die Mitarbeiter müssen sich bei dieser Arbeit gut schützen. Nicht nur vor Radioaktivität, sondern vor auch konventionelle Schadstoffe wie beispielsweise Asbest. Das Ziel der Reinigung mit Wasserhochdruck, einem Strahl aus Stahlkügelchen und anderen Techniken ist die so genannte Freimessung der Materialien. Verantwortlich für die Freimessung ist die BKW, doch die Nuklearaufsicht ENSI wird dies kontrollieren. Freigemessene Teile können wieder in den normalen Stoffkreislauf gebracht werden. Das Kernkraftwerk Mühleberg hat ein Gewicht von etwa 200‘000 Tonnen. 180‘000 Tonnen sind konventioneller, unbelasteter Abfall. Klute: „Die übrigen 20‘000 wollen wir auf weniger als 3‘000 Tonnen reduzieren, die schliesslich in zum Teil stark abgeschirmte Behälter verpackt in das Zwischenlager Würenlingen und später in ein Endlager gebracht werden müssen.“ Als im Oktober 2013 der Entscheid fiel, Mühleberg von Netz zu nehmen, waren viele Mitarbeiter enttäuscht. Seit 2015 führen die Personalverantwortlichen mit ihnen intensive Perspektivengespräche und bieten Weiterbildungen an. Die Belegschaft im Kernkraftwerk Mühleberg wird die erste der Schweiz sein, die Erfahrungen im Rückbau sammelt. Es ist möglich, dass beim Rückbau weiterer Kernkraftwerk ihre Dienste gefragt sind. „Umgekehrt ziehen wir auch die Lehren aus bisherigen Rückbauprojekten in Deutschland, Spanien oder den USA “, erklärt Klute. „Es gibt Spezialfirmen für die Demontage der stark strahlenden Teile wie beispielsweise die Kerneinbauten. Sie sind damit vertraut. Wir gehen mit unserem Team keine unnötigen Risiken ein.“ Dazu gehöre auch ein vollamtlicher Risikomanager. Selbst die sehr schwach kontaminierten Turbinen würden beispielsweise nach Schweden geliefert und dort fachgerecht behandelt, der radioaktive Abfall kommt zurück in die Schweiz und wird hier entsorgt. Klute: „Wir definieren diesen Rückbau weder als Forschungsprojekt, noch sind wir ein Forschungsobjekt.“ Der studierte Kerntechniker sagt abschliessend fast schon herausfordernd: „Hier darf ich das aus meiner Sicht spannendste Projekt in der Schweizer Nuklearbranche leiten – die Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg. Das ist eine riesige Herausforderung, aber auch eine spannende Aufgabe.“

https://www.worldnuclearreport.org/

 

 

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