Grosse Worte, kleine Taten

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Der britische Premierminister Boris Johnson hat in einem Zeitungsartikel die grosse Energiewende, die «green recovery», angekündigt. Doch der Berg, den er verspricht, dürfte kaum mehr als eine Maus gebären.


«Grossbritannien wird zum Saudi-Arabien des Windes»: Der britische Premierminister Boris Johnson ist um grosse Worte nie verlegen, auch wenn sie sich allzu oft als heisse Luft erweisen oder schlicht taktischer Natur sind. Der «Guardian» attestierte Johnson einen latenten Hang zur Übertreibung, nachdem der Premier in der «Financial Times» seinen Plan für eine «grüne industrielle Revolution» präsentiert hatte, «mit hoch qualifizierten Arbeitsplätzen, die den Menschen die Befriedigung geben, dazu beizutragen, dass ihr Land sauberer, grüner und noch schöner wird». Es sei zu begrüssen, dass Johnson das Thema aufs Tapet gebracht habe, aber es seien Zweifel angebracht, ob er der Richtige sei, um die Energiewende zu moderieren. «Es gibt schlicht keine Garantie, dass es unter dem aktuellen Premier mehr sein wird als eine lobenswerte Absicht.»

Und wer Johnson nur schon bei seiner Ankündigung, Grossbritannien zum Saudi-Arabien des Windes zu machen, beim Wort nimmt, muss stutzig werden. Denn mit der geplanten Vervierfachung der Offshore-Kapazitäten auf 40 Gigawatt bis 2030 könnte es gelingen, die Stromversorgung aller Haushalte auf Windstrom umzustellen – von einem Saudi-Arabien des Windes wäre man damit aber noch meilenweit entfernt. Saudi-Arabien ist der grösste Erdöl-Exporteur der Welt. Und mit den geplanten 30 Gigawatt Zubau bis 2030 wäre Grossbritannien selbst 2020 nur auf Platz vier der Weltrangliste, die von China mit 237 Gigawatt angeführt wird – im Reich der Mitte wurden alleine 2019 28 Gigawatt zu gebaut. Nun ist Grossbritannien im Vergleich mit China ein Kleinstaat, und das Ziel, alle 27,6 Millionen Haushalte mit Windstrom zu versorgen, ist aller Rede wert. Die Summe von 50 Milliarden Pfund müsste dafür investiert, täglich eine Windturbine installiert werden, wie das Energieberatungsunternehmen Aurora Energy Research ausgerechnet hat. In den Jahren 2010 bis 2020 waren gerade mal neun Gigawatt gebaut worden, und selbst dafür mangelt es an Übertragungsnetzen. Wie diese nun ausgebaut werden sollen, darüber verliert Johnson kein Wort. Und selbst die versprochenen hoch-qualifizierten Arbeitsplätze sind weit und breit nicht in Sicht. Denn die industriellen Kapazitäten dafür sind schlicht nicht vorhanden. Schon jetzt werden die meisten Komponenten importiert. Und die schon unter Johnsons Vor-Vorgänger David Cameron gestoppte Subventionierung von Onshore-Windanlagen hat zum Zusammenbruch dieses Marktes geführt. Auch die Förderung von Solaranlagen wurde eingestellt. Das hat in den vergangenen Jahren zu einem Rückgang der Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien um ein Drittel geführt. Begründet wurde die Streichung mit den gefallenen Preisen, es brauche keine Fördergelder mehr. Mit dieser marktgläubigen Politik sanken Investitionen in den erneuerbaren Energien – Sektor auf den Stand der späten Nullerjahre.

Johnson möchte Grossbritannien zur «Nummer Eins der Welt für grüne Technologie und Finanzen» machen und damit «jahrzehntelanges ökonomisches Wachstum ermöglichen». Johnson skizziert neben dem Ausbau der Offshore-Windanlagen folgende Ziele:

- 500 Millionen Pfund in die Förderung der Wasserkraft
- Mini-AKW’s gefördert werden
- 2,8 Milliarden Pfund in die Förderung von Elektroautos investiert werden, verbunden mit dem Verbot von Motoren auf der Basis von Öl oder Gas ab dem Jahr 2030 (was einer Verkürzung um fünf Jahre gebenüber bisherigen Plänen entspricht
- Tausende grüner Busse gekauft und Hunderte von Meilen an Radwegen angelegt werden
- Das erste Flugzeug und das erste Schiff gebaut werden, das den Atlantik klimaneutral überquert
- Eine Milliarde Pfund für mehr Energie-Effizienz in Schulden, Krankenhäusern und Privathäusern
- Eine Milliarde für eine «weltweit führende Industrie» zur Speicherung von CO2
- Die Pflanzung von Bäumen 30'000 Hektar jährlich und die Renaturierung von Landflächen von der Grösse von «30'000 Fussballfeldern»
- Ein mit einer Milliarde Pfund bestückter Fonds zur Kommerzialisierung von kohlenstoffarmen Technologien
- London soll zum globalen Zentrum für grüne Investitionen gemacht werden.

Nun wird sich eine «Task force net zero», um bis zum nächsten Klimagipfel, der 2021 in Glasgow stattfinden soll (mit einem Jahr coronabedingter Verzögerung), einen Plan vorzulegen, wie Grossbritannien bis 2020 klimaneutral werden soll. Johnson verspricht auch «klare Zeitpläne, eine detaillierte Regulierung und die Preise für CO2.»

Das klingt alles schön und gut. Doch im Detail stecken sehr viele Teufel und Teufelchen. Zum Beispiel bei der Nukleartechnologie: Das AKW Hinkley Point in Somerset, derzeit eine Baustelle mit grosser Zeitplan-Verzögerung, wird, so viel steht schon heute fest, die teuerste Stromquelle Grossbritanniens sein. Die Pläne für ein weiteres AKW in Wales wurden im September von der japanischen Firma Hitachi endgültig beerdigt. Und ein «Small Modular Reactor» steht noch nicht einmal auf dem Reissbrett. Rolls Royce verlangt von der Regierung die Hälfte der Entwicklungskosten von 400 Millionen Pfund und die garantierte Bestellung von 16 Mini-AKW’s für 32 Milliarden, deren Strom eher noch teurer werden dürfte als in Hinkley Point. Die auch von Greenpeace ausdrücklich begrüsste komplette Umstellung auf Elektroautos bis ins Jahr 2030 ist technisch schon heute machbar. Das Problem sind die Ladestationen, deren Finanzierung noch völlig offen ist. Und die geplante Milliarde für die energetische Sanierung kann nur ein Anfang sein. Grossbritanniens Häuser sind traditionell miserabel isoliert.

Dazu kommt, dass der finanzielle Berg, den Johnson nun ankündigt, nur eine Maus gebären wird. Die acht Milliarden Pfund, die nun zusätzlich in die Energiewende investiert werden sollen (die oppositionelle Labour – Partei sagt, es seien effektiv nur deren vier), nehmen sich im Vergleich zu Deutschland (46 Milliarden) oder Frankreich (30 Milliarden) geradezu mickrig aus. Offensichtlich soll es, wider besseren Wissens, erneut die Privatwirtschaft richten. Ed Miliband, der Schattenfinanzminister von Labour, hat in seinem «green plan» eine Summe von 30 Milliarden gefordert. «Wir brauchen einen grossen ökonomischen Impuls der Regierung, und was wir nun kriegen, ist ein Abklatsch davon».

 

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