Fortschrittsgläubig in die Energiewende

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Die Internationale Energieagentur (IEA) hat es durchgerechnet: Das Netto-Null-Emissionziel bis 2050 ist noch zu schaffen, wenn sich die Welt am Riemen reisst und wenn der technische Fortschritt eine neue Dimension erreicht. Es sieht ganz nach altem Wein im neuen Schlauch aus.

Die Welt droht eine «goldene Chance» zu verpassen, die Weichen in Richtung einer Energiewende zu stellen, meint Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA) in einem auf Linkedin veröffentlichten Beitrag. Die IEA hatte im vergangenen Jahr vorgeschlagen, die wirtschaftliche Wiederaufbauhilfe nach der Covid 19 – Krise nachhaltig zu gestalten, mit gezielten Investitionsanreizen für die Energiewende. Geschehen ist nahezu das Gegenteil. «Die wirtschaftliche Erholung baut vorwiegend auf Kohle, was zum zweitstärksten Anstieg an CO2-Emissionen in der Geschichte führen wird. Das können wir uns nicht mehr länger leisten.» Wohl gebe es auch optimistisch stimmende Anzeichen, etwa der Entscheid Deutschlands, das Netto Null – Emissionsziel um fünf Jahre auf 2045 vorzuverlegen oder die Anstrengungen des neuen US-Präsidenten Joe Biden, die Welt als Ganzes wieder auf Klimakurs zu bringen. «Aber insgesamt oszillieren wir gerade zwischen Optimismus und grösster Besorgnis».

Die Internationale Energieagentur präsentiert nun, auf Bestellung Grossbritanniens, das den diesjährigen Klimagipfel in Glasgow veranstaltet, reichlich vollmundig den grossen Plan zur Energiewende, «um der Welt eine gute Chance zu geben, das Ziel, die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad bis 2050, zu erreichen.» Die Kernbotschaft: Es wird knapp, aber es ist noch zu schaffen. Dieser Zweckoptimismus durchzieht das ganze 224-seitige, mit einer immensen Datenfülle gespickte Dokument, und es ist, wie immer, wenn es darum geht, die Zukunft vorherzusagen, eine Mischung aus faktenbasierter Vergangenheit und Gegenwart, aus Annahmen, die zukünftige Entwicklung namentlich der Bevölkerung und der Wirtschaft betreffend, und aus daraus abzuleitenden Erfordernissen für die Energiewirtschaft. Und wenn es denn so laufen sollte, wie es könnte, dann leben in 30 Jahren zwei Milliarden Menschen mehr auf der Erde, die Wirtschaftsleistung wird sich aber verdoppelt haben, hoffentlich zugunsten der Armen, und der Energiebedarf wird gegenüber heute um sieben Prozent gesunken sein. Die ganze Welt muss dafür im Boot sitzen, und nicht nur 70 % der Staaten, die sich schon jetzt verpflichtet haben, bis 2050 keine Klimagase mehr in die Atmosphäre zu entlassen. Die reichen Länder werden vorangehen müssen, also schneller ans Ziel kommen, um den ärmeren noch etwas Luft zu lassen. Und: diese Zukunft muss jetzt beginnen, im Prinzip am heutigen Tag. Denn es gibt sehr viel zu tun. Die Expertinnen und Experten der IEA rechnen es vor, zum Beispiel beim Ausbau der Photovoltaik: Bis 2030 muss weltweit täglich eine Kapazität von rund 1,5 Gigawatt zugebaut werden, was der Kapazität des grössten Solarkraftwerkes der Welt entspricht – pro Tag. Bis 2050 sollen Wind und Sonne 70 Prozent der Elektrizität liefern – heute sind es nicht einmal zehn Prozent. Dazu kommen Effizienzsteigerungen im ganzen Energiesektor von jährlich vier Prozent – das Dreifache dessen, was in den letzten zwei Jahrzehnten erreicht wurde. Doch das wird laut IEA nicht reichen. Und jetzt wird es richtig spekulativ. Denn die Internationale Energieagentur geht, wie auch John Kerry, der Klimabeauftragte von US-Präsident Joe Biden, davon aus, dass es zusätzlich einen ganz gewaltigen Innovationsschub brauchen wird, um zum Netto-Null-Emissionsziel zu gelangen. Es sind Technologien, wie sie für eine mit Wasserstoff betriebene Schwerindustrie, den Transport über lange Distanzen, den Luftverkehr oder die Speicherung von CO2 in der Erdrinde erforderlich sind, die sich aber heute bestenfalls im Prototypen-Stadium befinden. Nicht weniger als die Hälfte der CO2-Einsparungen soll bis 2050 mit diesen Technologien erreicht werden. Verhaltensänderungen spielen in diesem Szenario hingegen nur eine fast schon vernachlässigbare Rolle. Denn, davon geht die IEA offenbar aus, der Wille ist da, aber das Fleisch ist schwach. Gerade mal mit vier Prozent weniger CO2 werden im Szenario all jene veranschlagt, die auf das Auto verzichten, zu Fuss gehen oder den öffentlichen Verkehr nutzen oder auf einen Flug verzichten. Deshalb muss es die Technik richten. Damit alles so bleibt, wie es war – auch der Glaube an den ewigen Fortschritt, die Fortsetzung einer Geschichte, die die Welt erst in den Schlamassel geführt hat, in dem sie jetzt steckt. Und das ist doch etwas zu schön, um wahr zu sein.

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