Österreich: Leben ohne Atomstrom

geschrieben von  Urs Fitze

Österreich war nach Irland (1970) das zweite Land der Welt, das nach einem Volksentscheid 1978 auf Atomstrom verzichtete. Buchstäblich in letzte Minute wurde damit die Inbetriebnahme des schon fertig gebauten AKW Zwentendorf verhindert. Das Land ist gut damit gefahren.

Fünf vor zwölf zeigt die Uhr im Kontrollraum des AKW Zwentendorf – eine feine, doppeldeutige Anspielung auf das Erwartete und das Unerwartete zugleich. Erwartet worden war am 5. November 1978 ein deutliches Ja der Österreicherinnen und Österreicher zur Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerkes. Doch es kam unerwartet. 50,47 Prozent sagten Nein, weniger als 30'000 Stimmen gaben den Ausschlag. Dafür verantwortlich gemacht wurde der damalige sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky. Er hatte sein politisches Schicksal von einem positiven Volksentscheid abhängig gemacht  und damit manche seiner politischen Gegner, die eigentlich für die Atomkraft waren, zu taktischen Nein-Stimmen bewogen, um den mit absoluter Mehrheit regierenden Kreisky loszuwerden. Dass er danach im Amt blieb und kurz darauf den grössten Wahlsieg seiner Kanzlerkarriere feierte, deutet eher auf eine Rückenstärkung hin für den Mut, eine – für Österreich sehr ungewöhnliche – Volksabstimmung anzuberaumen. So hat das Atomzeitalter in Österreich gar nie angefangen.

Ein Beitrag des Senders ORF zu Kreisky und Zwentendorf


Ein Knopfdruck hätte genügt
Dabei hätte ein Knopfdruck genügt, um die kontrollierte Kernspaltung im AKW Zwentendorf in Gang zu bringen. Das Kraftwerk war bis auf die letzte Schraube fertig gestellt, auch die Brennstäbe waren schon geliefert, einzig um den Bodenbelag im Kontrollzentrum hatte man sich noch gestritten. 5,2 Milliarden Schilling, mit heutiger Kaufkraft rund 1,4 Millionen Euro, hatte der Bau gekostet. Dann wurden die Uhren angehalten. Für immer. Noch im selben Jahr beschloss das österreichische Parlament das Atomsperrgesetz, das Volksabstimmungen für den Bau von Atomkraftwerken für zwingend erklärte. Die Betreiber, ein Konsortium verschiedener regionaler Energieversorger und der Staat Österreich, hielten zwar noch während sieben Jahren die Betriebsbereitschaft aufrecht – was weitere Milliarden verschlang - , doch 1985 verabschiedete man auch diese letzte Hoffnung: das Atomkraftwerk wurde «still liquidiert». Nur einige Bauteile, vor allem Turbinen und Pumpen, konnten noch an baugleiche AKW’s in Deutschland verkauft werden. Seither ist das AKW Zwentendorf eine Ruine und das einzige Atomkraftwerk, dessen Herz, der Reaktorkern, betreten werden kann – weil dort nie eine Kernspaltung stattgefunden hat. Das darf heute jedermann. Die Besitzerin, die Energieversorgung Niederösterreich im Mehrheitsbesitz des Bundeslandes Niederösterreich, die die AKW-Ruine 2005 gekauft hatte, veranstaltet regelmässig Führungen durch den 39 Meter hohen Bau. Dessen Inneres mit Hunderten von Räumen gleicht einem Labyrinth. Weil hier nie modernisiert oder nachgerüstet wurde, darf man sich im weitestgehend fensterlosen Bau (die einzige Ausnahme ist der Kontrollraum, der zwar durch schusssicheres Glas geschützt ist, anderseits Tageslicht erhält durch ein vorgelagertes Fenster) auch als Zeitreisender fühlen: Staunen über lange, klaustrophobische Korridore, eine Kollektion von bunten Schutzanzügen inklusive Unterwäsche, Drehgriffe und Druckmessanzeigen, die aus dem Dampfmaschinenzeitalter zu stammen scheinen, Steuerpulte mit klobigen Telefonen, Alarmsirenen und reihenweise Druckknöpfe, Unmengen von verbautem Beton und Stahl. In das Druckgehäuse haben die heutigen Besitzer ein Loch schneiden lassen – was eine Inbetriebnahme endgültig verunmöglicht -, um Besucherinnen und Besucher den Gang ins Innerste zu ermöglichen. Man blickt im Steuerstabsantriebsraum auf die Antriebsrohre, in die die Brennstäbe eingelassen worden wären, und eine Vielzahl von Leitungen, Rohren und klobigen Drehschaltern.


Optimismus der Machbarkeit
Im Kopf hallt ein Dokumentarfilm nach, der im Besucherzentrum gezeigt wird. Er dokumentiert die Bauphase. Die Macher feiern die technologischen Höhepunkte und grossartigen Leistungen der Baufachleute, der Optimismus einer vergangenen Zeit dringt durch jede Einstellung, auch wenn sich die Autoren sachlich geben. Komplett ausgeblendet werden die Bürgerproteste und Besetzungen des Baugeländes, das Publikum wird in distanzierter, bewundernder Haltung gezeigt, kritische Stimmen sind nicht zu hören.


Drei Grad wärmere Donau
Rund zwei Drittel der thermischen Energie hätten gar nicht genutzt werden können, sondern hätten die nur einen Steinwurf entfernte Donau um bis zu drei Grad erwärmt. Die ökologischen Folgen einer solchen Aufheizung kümmerten niemanden. Dieses Recht hat der Staat Österreich für 90 Jahre gewährt. Die heutige Besitzerin hat nicht vor, es zu beanspruchen. Stattdessen wird auf dem Kraftwerksgelände und dem Dach der AKW-Ruine heute Solarstrom produziert – 2000 mal weniger, als es beim Betrieb des AKW gewesen wäre. Die Anlage gehört zu einem Grossteil der Bürgerschaft. Als Forschungs-Kraftwerk für die Aus- und Weiterbildung von AKW-Personal und als Filmkulisse dient das AKW Zwentendorf weiterhin. Zwei weitere AKW waren damals geplant: Österreich hätte damit rund einen Drittel seines Strombedarf aus Atomkraftwerken gedeckt. Das Nein zu Zwentendorf machte aus diesen Plänen Makulatur, seit 1999 ist der Verzicht auf die Atomenergie auch in der österreichischen Verfassung verankert. Aus keinem politischen Lager ist seither der ernsthafte Ruf ertönt, darauf zurückzukommen.

Die Stromlücke, wie sie durch das Nein entstanden war, wurde in den folgenden Jahren vor allem mit Importen und später aus Kohlekraftwerken gedeckt. Gefördert wurde auch die Wasserkraft. Die Grenzen zeigte 1984 eine breit abgestützte Bewegung auf, die erfolgreich den Bau eines Laufwasserkraftwerkes in Hainburg an der Donau verhinderte, der eine der wertvollsten Auenlandschaften – heute Teil des Nationalpark Donau-Augen – zum Opfer gefallen wäre. Damit war auch die Politik des «bevorzugten Wasserbaus», die hohe staatliche Subventionen für Grosskraftwerke vorsah, gescheitert.


Kohlestrom gefährdet österreichische Energiewende
Knapp 40 Jahre setzt Österreich wie kein anderes Land in Kontinentaleuropa auf die Wasserkraft. Rund 80 Prozent des österreichischen Stromes werden damit erzeugt. Wind erreicht deutlich unter zehn Prozent, die Photovoltaik liegt unter zwei Prozent.  Doch der in den vergangenen Jahren stark forcierte Ausbau ist vor allem bei Wasserkraftwerken ins Stocken geraten, die Produktion gar rückläufig: Stromimporte vor allem aus Deutschland sind weit günstiger. Österreich, das über Jahre Stromexportland war, ist zum Netto-Importeur geworden. Der Anteil der Stromimporte am Inlandsverbrauch lag 2015 bei 16,4 Prozent. Der österreichische Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) denkt inzwischen laut über eine Energieallianz mittelosteuropäischer Staaten nach, die sich gegen Deutschland richtet. Ziel ist die EU-weite Einführung einer Dreckstromabgabe. Es ist nicht damit zu rechnen, dass er damit durchkommt. Denn blockiert werden entsprechende Pläne weniger in Deutschland als vielmehr in Polen und Tschechien, die anteilsmässig noch weit stärker als Deutschland Kohlestrom produzieren. Auch die erneuerbaren Energien sollen nach österreichischer Vorstellung in der EU einheitlich gefördert werden. Das war bisher Sache der Mitgliedsstaaten.


 

 

 

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Die Schweizer Bombe

  • Vor 70 Jahren hatte der damalige Ständerat und spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen die Ächtung der Atomwaffen verlangt, deren Nutzung für friedliche Zwecke aber befürwortet. Im Geheimen hatte die Schweizer Regierung aber schon kurz nach Kriegsende die «Schaffung einer schweizerischen Uran-Bombe» vorangetrieben – die «Studienkommission für Atomenergie» unter Vorsitz des Kernphysikers Paul Scherrer fasste den entsprechenden Auftrag, von dem auch im Parlament niemand wusste. In den Jahren 1953 – 1955 wurden im Rahmen einer geheimen Vereinbarung zehn Tonnen Uran aus Belgisch-Kongo geliefert. Die Hälfte davon lagerte im Forschungsreaktor Diorit in Würenlingen – dem Sitz des heutigen Paul Scherrer – Institutes – als Rohstoff für die Atomwaffenfertigung. 1958 wurde diese Politik offiziell. «In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung der Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören Atomwaffen», hiess es in einer Erklärung des Bundesrates. Inoffiziell sollte solange auf den Bau verzichtet werden, als dass keine anderen Mächte als die USA, Sowjetunion und Grossbritannien darauf setzten. Vor allem die deutschen Bombenpläne wurden argwöhnisch verfolgt. In den kommenden Jahren wurden geheime Aufrüstungspläne ausgearbeitet, auch Atombombentest waren dabei vorgesehen. Die Schweiz sei in der Lage, binnen von vier Jahren eine Atombombe zu entwickeln, das Know-How und das Geld seien vorhanden, hiess es damals im Militärkreisen. Erst mit Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages im November 1969 waren diese Makulatur. An der Option wurde indes grundsätzlich weiter festgehalten, auch wenn der Atomwaffensperrvertrag 1977 ratifiziert wurde. Die Nachfolgeorganisation der Studienkommisson für Atomenergie, der Arbeitsausschuss für Atomfragen, wurde erst 1988 aufgelöst. Seit 1995 trägt die Schweiz mit der Zustimmung zur unbefristeten Verlängerung des Atomwaffensperrvertrages und zum Atomteststoppabommen die internationalen Bemühungen für ein Ende der Atomwaffen mit. Im Februar 2016 wurden 20 kg waffenfähiges Plutonium, das sich seit über 50 Jahren im Schweizer Besitz befand, in die USA transportiert.


Strommix in Deutschland, der Schweiz und Österreich 2014

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Im Innern des nie in Betrieb gegangenen AKW Zwentendorf

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Mensch + Energie

Vor dem Hintergrund der aktuellen „Energiewende“-Debatten möchten wir einen kritischen Diskussionsbeitrag leisten für all jene, die mehr wissen wollen zum Thema Energie. Und wir möchten einen Beitrag leisten, die tiefen ideologischen Gräben zu überwinden, die Befürworter und Gegner trennen. Denn die Wahrheit wird bei diesem Thema sehr schnell relativ bzw. relativiert, man bewegt sich auf einem Feld, in dem sich Experten, Meinungsmacherinnern, Ideologen, Betroffene, Opfer, Lobbyisten, Politikerinnen und Weltenretter tummeln. Sie alle sollen zu Wort kommen, sie sollen von ihrer Wahrheit erzählen, der Wahrheit des Strahlenopfers ebenso wie jener des Kraftwerkbetreibers, des Befürworters und der Gegnerin.

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