Mycle Schneider, Energieberater, Paris, Frankreich

«Atomenergie ist nicht mehr konkurrenzfähig»

Mycle Schneider ist Energie- und Atompolitikberater. Er wurde in Deutschland geboren und lebt seit über 30 Jahren in Frankreich. Er berät die Stadtregierung von Seoul, Südkorea, und ist Gründungsmitglied und Sprecher des International Energy Advisory Councils (IEAC). 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

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»Neue Atomkraftwerke kann man heute unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr finanzieren. Das leistet sich im großen Stil nur noch ein Land, das viel Geld hat: China, wo sich 40 Prozent der AKW-Baustellen in der Welt befinden. Mindestens drei Viertel aller im Bau befindlichen Kraftwerke liegen oft um Jahre hinter der Planung. Bauteile, Beton und Schweißnähte passieren die Qualitätskontrolle nicht, weil technische Spezifikationen nicht erreicht werden. Der in der Regel sehr hohe Fremdarbeiteranteil – selbst auf der französischen Baustelle in Flamanville sind es etwa ein Drittel – führt zu Sprachwirrwarr und entsprechenden Missverständnissen. Dem Management fehlt Erfahrung bei der Planung und Durchführung immer komplexerer Projekte. Dies alles verteuert den Neubau von Atomkraftwerken seit vielen Jahren. Neu ist, dass auch immer mehr laufende Anlagen an der Grenze der Wirtschaftlichkeit betrieben werden. In Frankreich zum Beispiel sind die Produktionskosten in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent gestiegen. Diese Verteuerung ist weltweit zu beobachten. Sie erklärt auch, dass kürzlich in den USA zwei Atomkraftwerke an der Stromhandelsbörse ihre Produktion nicht mehr loswurden, weil sie zu teuer war. Die Ursachen für den Kostenanstieg liegen nicht nur in strengeren Sicherheitsvorschriften. Jahrelang wurde zu wenig investiert und nur kassiert. Nun muss massiv nachgebessert werden. In der neuen Kostenrealität hat in Frankreich beispielsweise der Strom des Atomgiganten Électricité de France (EDF) keine Chance mehr gegen ein Kleinunternehmen, das hundert Prozent zertifizierten Ökostrom anbietet. In den USA wird Solarstrom auf dem Markt bereits unter 5 Cents pro Kilowattstunde angeboten. Die Atomenergie ist nicht mehr konkurrenzfähig.

In Frankreich wurde im Oktober 2014 ein Gesetz verabschiedet, das den Anteil des Atomstroms drastisch reduziert: bis 2025 soll er von 75 auf 50 Prozent gesenkt werden, was bedeutet, dass je nach Stromverbrauch zwanzig oder mehr Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Daneben nimmt sich der Atomausstieg in Deutschland eher bescheiden aus.

Den traditionellen großen Stromanbietern geht es sehr schlecht. Der Wert der zwanzig größten Energieunternehmen Europas ist seit 2008 um die Hälfte geschrumpft. EDF, der größte Atomstromerzeuger der Welt, und die deutsche E.ON sind gar um über 70 Prozent abgestürzt. Das führt zu hohem Spardruck. Er wird auch in bedenkliche Bereiche weitergegeben, beispielsweise bei den Lagerkosten für Ersatzteile. Es gibt in Frankreich bereits Fälle, wo alte Dichtungen in Pumpen eingebaut wurden, weil keine neuen mehr vorhanden waren. Die Rechnung sähe für die Kernkraftwerke weltweit noch gesalzener aus, wenn man wirklich die Lehren aus Fukushima ziehen und bestimmte Sicherheitslücken schließen würde. Darüber hinaus stellt sich angesichts der geplanten Abschaltungen mit neuer Dringlichkeit die Frage nach den Abriss- und Atommüllentsorgungskosten. Entscheidend dabei ist der Zeitfaktor. In Frankreich muss die Demontage sofort mit der Abschaltung beginnen. Das heißt, das Geld muss dann vorhanden sein. Die Zeit drängt, denn die Energierevolution ist bereits im Gange. Zukünftige Systeme werden nicht mehr vertikal integriert sein, mit großen Kraftwerken und Stromtransporten über weite Strecken zu den Endverbrauchern. Die Energiesysteme von morgen werden dem Internet ähnlich horizontal integriert sein, mit dezentraler Produktion und Verbrauch. In Australien gibt es bereits über zwei Millionen Stromerzeuger, in Deutschland sind es etwa 1,4 Millionen. Aus Konsumenten werden beispielsweise dank Solarstrom Selbstversorger. Im Englischen spricht man bereits von ›prosumers‹, also Produzent (producer) und Konsument (consumer) in einem. Was weiterhin fehlt, sind entsprechende Netze. Wir brauchen intelligente Mikronetze, die erheblich zur flexiblen Angleichung von Produktion, Speicherung und Verbrauch beitragen können.

Doch die schwierigste Umstellung gilt es im Kopf zu vollziehen. Kein Mensch braucht Kilowattstunden, Fässer Öl oder Kubikmeter Gas. Wir brauchen Energiedienstleistungen, die sich in sechs einfache Kategorien einteilen lassen: gekochtes Essen, Wärme/Kälte, Licht, Mobilität, Kommunikation und Motorkraft. Das setzt ein neues Denken, eine neue Kultur voraus – bei allen Beteiligten. Passive Lösungsansätze sind immer aktiven Systemen vorzuziehen: Erst Tageslichtnutzung erweitern, dann effiziente, aktive Beleuchtungssysteme. Tageslicht erhöht das Wohlbefinden und die Arbeitsproduktivität. Die erhebliche Stromeinsparung wird zum wirtschaftlichen Nebeneffekt. Erst Wärmedämmung verbessern, dann Heizung erneuern. Wärme, Strom und Gas lokal erzeugen senkt die Systemverluste. Das ist reine Physik.

Der Zukunft gehören intelligente Energiedienstleistungen, wie etwa das Datenzentrum, das seine Mikroprozessoren als Heizkörper in Hunderte von Wohnungen stellt, seine Kühlkosten so dramatisch senkt, gratis Wärme abgibt und gleichzeitig seine Rechenleistung konkurrenzlos billig anbieten kann.«

 

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