Horst Geckeis, Institut für Technologie, Karlsruhe

"Vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit."

Professor Horst Geckeis befasst sich im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit der Entsorgung von Nuklearabfällen und mit Sicherheitsfragen, die daraus resultieren.

„Vielleicht haben wir nicht mehr so viel Zeit, die radioaktiven Stoffe in ein Tiefenlager zu bringen, wie viele das glauben. Natürlich ist die tiefengeologische Endlagerung nicht frei von Risiken. Wir befassen uns zum Beispiel mit dem Fall eines Wasserzutritts, um die Auswirkungen einer möglichen Schadstoffausbreitung über lange Zeiträume abzuschätzen. Aber: Verzögerungen bei der Entscheidung über einen Endlagerstandort stellt auch ein Risiko dar. 13 Deutsche Forschungsinstitute haben sich zur Deutschen Arbeitsgemeinschaft Endlagerforschung zusammen geschlossen und befassen sich unter meinem Vorsitz mit der Weiterentwicklung des Wissens, das über Jahrzehnte zur Endlagerung radioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Formationen in der Bundesrepublik angehäuft wurde. Trotz des 2013 gesetzlich festgelegten neuen Standortauswahlverfahrens beginnen wir nicht von Null. Das bereits vorhandene Wissen ist nun auch in die Arbeit der vom Parlament eingesetzten Kommission Lagerung hochradioaktiver Abfallstoffe eingeflossen. Der von ihr erarbeitete Kriterienkatalog stellt sicher eine gute Grundlage dar, um nun sicherheitsorientiert geeignete Standortregionen und Standorte auswählen zu können. Die Endlagerfrage wird aber nie nur wissenschaftlich-technisch gelöst werden können. Die künftige Herausforderung wird nun darin bestehen, die Gesellschaft in geeigneter Weise in den Gesamtprozess einzubinden, um alle Aspekte und bestehende Bedenken berücksichtigen zu können. Allerdings muss auch klar sein, dass am Ende eine Lösung des Problems stehen muss. Scheitern ist keine Option! In dieser Hinsicht wird man aus Fehlern früherer Endlagerprojekte in Deutschland lernen müssen. Es ist allerdings klar, dass weitere Verzögerungen im Verfahrensablauf weitere Ungewissheiten erzeugen werden, die beispielsweise mit den verlängerten Zwischenlagerungszeiten zu tun haben. Für mich ist hier auch das Szenario eines Wirtschaftskollapses zu betrachten. Das haben wir innerhalb der letzten 100 Jahre nicht nur einmal erlebt, und wenn dieses Szenario eintritt, stehen möglicherweise die Mittel nicht mehr zur Verfügung, den radioaktiven Abfall sicher zu entsorgen. Die Aufgabe dieser und der nächsten Generation wird es deshalb sein, einen Standort zu finden, der geologisch geeignet und politisch sowie gesellschaftlich akzeptiert ist. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass dies in Deutschland in einem fairen Auswahlprozess realisiert werden kann. Aus heutiger Sicht ist ein Endlager in tiefen geologischen Formationen ein sinnvolles und bereits heute technisch machbares Entsorgungskonzept. Dies wird auch von der Deutschen Endlagerkommission so gesehen. Die von der Kommission favorisierte Variante, eine erleichterte Rückholbarkeit der Abfälle auch nach beendeter Einlagerung über mehrere Jahrzehnte zu ermöglichen, ist sorgfältig zu prüfen. Solche Konzepte dürfen die Sicherheit des Endlagers nicht beeinträchtigen. Szenarien wie beispielsweise unbefugtes menschliches Eindringen, unerwartete Wassereinbrüche sind zu berücksichtigen. Auch Organisation und Finanzierung einer Rückholung oder eines endgültigen Verschlusses sind langfristig sicherzustellen. Auf die damit verbundenen Fragen, die möglicherweise erst am Ende dieses oder im Laufe des nächsten Jahrhunderts auftreten, müssen bereits heute Antworten gefunden werden. Diese Zeitvorstellungen zeigen die Problematik auf. Ich halte daher die langfristige Sicherstellung kerntechnischen Know-hows und eine kontinuierliche Forschungsstrategie für unabdingbar. Nur so wird man das Wissen über die im Endlager befindlichen Abfälle, wie sie entstanden und welche Eigenschaften sie haben, aktiv erhalten und an die nächsten Generationen übertragen können. Vergraben und Vergessen ist eindeutig keine Option.“

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